Collection: Marie Hansen Taylor Correspondence
Author: Marie Hansen (Taylor)
Recipient: Lina Braun (Hansen)
Description: Letter from Marie Taylor to her mother, Lina Hansen, January 15, 1872.
Original text
[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
New-York, 12. University Place
Jan. 15. 1872
Meine liebste Mutter!
Soeben, als ich daran dachte heut Abend noch an Dich zu schreiben, wurde mir Dein lieber Brief vom 27. Dez. v. Jhrs. ge=bracht. Ich sah gleich an der Adresse, dass Du meinen ersten von hier aus geschriebenen Brief erhalten hattest, u. freute mich sodann an den im Ganzen guten Nachrichten, die ich von Euch erhielt. Wenn auch Manches besser sein könnte, ginge es nach Wunsch, so muß man schon zufrieden sein wie es ist, u. dank=bar, dass vieles nicht schlimmer. Dass Ihr einen so hübschen Weihnachten gehabt, freut mich recht. Du wirst aus Lilian's Brief gesehen haben, wie gern sie dabei gewesen wäre. Doch war sie auch hier recht glücklich u. hat sich des Festes gefreut. Über meine Gesundheit mußt Du Dich nun ganz beruhigen; ich bin wirklich jetzt so wohl, dass ich über nichts klagen darf: ich bin wirk=lich einen ganz andres Wesen als in den letzten Jahren. Ich kann auch wieder recht gut zu Fuß gehen u. befinde mich immer weit besser u. frischer, wenn ich meinen Spatziergang von mehren englischen Meilen gemacht habe. Überhaupt fühle ich mich so recht heimisch diesen
[page 2 (sheet 2, left-hand side):]
Winter in New-York u. genieße das Ausruhen von Wirtschaftssorgen recht vollständig. Wir sind wirklich recht angenehm u. comfortable logirt u. dazu kommt, dass meine alte Mu=lattin recht hübsch näht u. stopft u. mir also auch in dieser Hinsicht viel ab=nimmt. Lilian hat vortrefflichen Unterricht, was mir auch eine so rechte Herzenslust ist, zumal da sie recht schöne Fortschritte macht. Erst eben hat sie einen Geschichts=Aufsatz beendigt, u. mir vorgelesen, über die alten Inder, in Hinsicht auf geographische Lage des Landes, Religion, Literatur u. Kultur überhaupt. Ich sehe in ihm einen großen Fort=schritt. Heute haben die gymnastischen Übungen angefangen. Sie hat dieselben bei einer jungen Dame, im Verein mit 3 andern jungen Mäd=chen ihres Alters, alle nette Mädchen u. Töchter naher Bekannten. Der lateinische Unterricht ist ihr glaube ich der leichteste von allem. Sie hat im Ovid jetzt die Geschichte von Pyrah [insertion:] m [/insertion] us u. Thisbe fertig übersetzt u. kann einen Theil davon auf lateinisch hersagen. Ihr Benehmen ist lange nicht mehr so kindisch wie vor einem Jahr, man merkt wie bedeutend [?] sie sich [/?] in der letzten Zeit entwickelt hat. Sie ist aber auch nur noch einen halben Zoll kleiner als ich, denke Dir nur! Es sind nur die kurzen Kleider u. die lang herabhängenden Zöpfe, an denen man noch das Kind erkennt - fern von den Puppen,
[page 3 (sheet 2, right-hand side):]
nämlich, denn mit ihnen zusammen kommt die ganze Kindesnatur zum Vorschein. Auch ich bedaure es, dass Lilian u. Lina nicht zusammen bei Euch sind. Da Lina älter u. stets vernünftiger war, als Lilian, so würde es für diese ein großer Vortheil sein, mit ihr täglich zu verkehren. Vielleicht bleibt aber Lina noch länger als das vorher bestimmte Jahr in Gotha, u. die beiden Cousinen könnten dann wenigstens eine Zeitlang beisam=men bleiben. Wir beabsichtigen ja wenn wir nach Europa kommen zwei Jahre lang drüben zu bleiben, theils literarischen Plänen wegen, die Bayard hat, theils Lilian's Schul=bildung wegen. Eins von diesen beiden Jahren aber beabsichtigen wir Lilian in eine Pension der französischen Schweitz, womöglich nach Lausanne, damit sie nicht ganz in der Fremde ist, [insertion:] zu [/insertion] thun, u. ob wir sie das erste, oder erst das zweite Jahr dorthin thun, wird darauf ankommen wo Bayard u. ich den Winter zubringen. Sollten wir den nächsten Winter, wie Bayard es vor hat, nach dem Orient u. Egypten gehen, so möchte ich Lilian lieber zuerst nach der Schweitz thun, denn ich würde dann den Trost haben, sie im Falle ihr etwas zu=stöße (was Gott verhüte) schneller erreichen zu können. Ich würde
[page 4 (sheet 1, left-hand side):]
sie dann aber erst im Spätherbst dorthin nehmen, so dass sie mehrere Monate erst bei Euch zubrächte. Doch kommt Zeit, kommt Rath. Wenn wir nur einmal glücklich bei Euch sind, so findet sich das Üb=rige schon. - Heute geht ein lang=jähriger Freund von Bayard, [roman:] Mr. Boker [/roman] aus Phila mit Familie nach Europa. Er ist zum Gesandten in Constanti=nopel ernannt u. begiebt sich jetzt auf seinen Posten. So sehr [strikethrough:] ist [/strikethrough] [insertion:] ich [/insertion] diese Reisenden beneidete, so bin ich doch froh, dass ich heute nicht mit ihnen habe abreisen müssen. Das Wetter ist so winterlich, dass die Idee, sich einzuschiffen, eine sehr frostige ist. Bayard geht es recht gut; er ist so viel frischer u. kräftiger als in den letzten Jahren u. arbeitet mit großer Lust. Vor einigen Tagen hat er einen flüchtigen Besuch in Cedercroft gemacht. Die lieben Alten waren ganz munter, u. alles in [strikethrough:] f [/strikethrough] u. um das Haus in Ordnung. Schreiber hat sich nun entschlossen, während unsrer Abwesenheit das Garten= u. Obstland auf eigene Kosten zu übernehmen. Bayard hat ihm dafür so günstige Bedingun=gen gestellt, dass er auch nichts besseres hätte thun können. Ernst wird un=terdessen bei ihm bleiben, da er natür=lich die Arbeit nicht allein besorgen
[page 5 (sheet 3, right-hand side):]
kann. Das Getreide u. Grasland übernimmt der jetzige Farmer unter gleichen Bedingungen. Nun käme es uns noch darauf an das Wohn=haus zu vermiethen, sollte dies nicht gelingen, so schließen wir dasselbe zu, u. haben dann wenigstens keine Auslagen während wir fern sind. Unsere Zeit hier in der Stadt ist nun schon ziemlich zur Hälfte abgelaufen. Wenn ich noch einige Wochen im März hierbleibe, so wird es hauptsächlich Lilian's Unterricht wegen sein. Es wird mir leid genug sein, wenn sie ihn dann abbrechen muß. Sage dem lieben Vater, dass nun endlich seine Abhandlungen alle in den Händen der amerik. Astronomen sind. Ich hatte Prof. Joy gebeten mir eine Liste der bedeutendsten Astronomen des Landes zu verschaffen, bekam sie aber erst vor einer Woche, da er auch Andre dabei zu Rathe ziehen musste. Sobald wir die Liste erhielten, vertheilten wir die Abhandlungen, so weit wir urtheilen konnten, schickten sie unter Kreuzband an die gehörigen Adressen u. Bayard schrieb an jeden Einzelnen ein paar Zeilen. Hier folgt die Liste der Namen: (2179)
[page 6 (sheet 4, left-hand side):]
I Mr Lewis Rutherford, New-York II Prof. Joseph [?] Winloik [/?], Cambridge, Mass. II Prof. Benjamin Pierce, Washington, (Government Observatory) Prof. Cleveland Abbe Cincinnati, Ohio Prof. Watson, Ann Arbor, Michigan. II Prof. Peters, Clinton, New-York I Prof. Safford, Chicago Dr. Hough Dudley Observatory, Albany, N.Y. Prof. Stephen Alexander, Princeton, New-Jersey
[page 7 (sheet 4, right-hand side):]
Prof Coffin, Lafayette College, Easton, Pa. Prof. Young, Dartmouth College, New Hampshire (Dr. Gould ist nicht in den Ver. St. - er ist auf der Sternwarte zu Cordova, in der Argentinischen Republik, in Süd-Amerika.) - Von diesen haben die mit I angestrichenen Gelehrten je eine der größeren Abhandlungen, nebst der Schrift gegen Mr. Newcomb, die mit II angestrichenen je 2 der größeren Abhandlungen, nebst Schrift gegen Mr. N., die übrigen je 2 der kleineren (blauen) mathematischen Abhandlungen erhalten. Da Mr. Newcomb einer der drei Attaches am Gouvernement=Observatorium, unter Prof. Pierce ist, so ist ihm natürlich seine Niederlage jetzt bekannt geworden, denn soviel ich von Prof. Joy habe erfahren könnne, hat [?] Silliman's [/?]
[page 8 (sheet 3, left-hand side):]
Am. Journal" die Schrift des Vaters noch nicht veröffentlicht. Über Mr. Rutherford bemerke ich noch, dass er derjenige ist, welcher dem lieben Vater die Mondphotographien u., wenn ich nicht irre, einiges Andere früher geschickt hat. Er ist einer der vielen New-Yorker Privatleute u. Astronom aus Liebhaberei, besitzt eine kleine Sternwarte bei seinem Hause u. verwendet seine ganze Zeit auf das Lieblingsstudium. Nachdem das Weihnachtsfest nun vorüber ist, wirst Du Dich ja wohl hoffentlich recht schonen, liebe Mutter, damit das Frühjahr Dich kräftiger findet. Wenn nur die bösen [?] Kopfweh [/?] ganz wegbleiben wollten! Ich weiß ein Mittel gegen alle solche Nerven=Affektionen, welches Dir gewiß Linderung, wenn nicht Heilung verschaffen würde - allein ich fürchte Du wirst es nicht versuchen wollen, da es eine allopathische Arznei ist. Die Medizin ist ziemlich neu u. heißt Chlorodyne. 10 Tropfen davon haben mir in der ersten Woche meiner Krankheit die Nerven auf wunderbare Weise beruhigt, ohne dass irgend welche Reaktion eingetreten wäre, u. ich habe seitdem den heilsamsten
[page 8 (sheet 3, left-hand side), left margin:] Effekt davon an Andern gesehen. Grüße auf das [/page 8, left margin]
[page 5 (sheet 3, right-hand side), left margin:] herzlichste den lieben Vater u. alle andern Lieben. [/page 5, left margin]
[page 1 (sheet 1, right-hand side), left margin:] Bayard u. Lilian schicken gleichfalls herzliche Grüße, mit inniger Liebe Deine Tochter Marie. [/page 1, left margin]
Letter metadata




