Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, June 26, 1871.
Original text
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Marienbad d. 26 Juni 71.
Mein lieber Bruder!
Es ist schon so lange her, daß ich ohne direkte Nachrichten von Dir bin, daß ich anfange mich etwas um Euch zu ängstigen, meines Wissens, – schuldest Du mir Antwort auf 2 Briefe, – zum mindesten auf meinen letzten der meine Photographie u. die Anzeige meiner bevorstehenden Abreise enthielt. – Ich hoffe daß nicht Unwohlsein Schuld trägt an Deinem längern Schweigen – u. daß auch [roman:] Fanny [/roman] endlich von ihren schmerzhaften Geschwüren befreit ist, – sondern denke mir, daß Ihr Euer Vorhaben ins Gebirge überzusiedeln zur Ausführung brachtet, – u. Du mir bald Eure glückliche Ankunft dort melden wirst, wie ich von Herzen hoffe, – daß Du u. [roman:] Fanny [/roman] sowohl als die Kinder Euch recht in guter Landluft kräftiget. –
Tante wird Dir inzwischen wohl von [roman:] Rosenheim [/roman] aus geschrieben haben, – u. brauche ich von ihr nichts weiter zu sagen, – wäre auch darin in Verlegenheit, – da sie sehr selten schreibt, – u. nur gleich uns hier lamentirt über das nicht enden wollende Regenwetter; Von Richard seit Wochen ohne Nachricht, – seine Berufung in den Elsaß scheint sich sehr in die Länge zu ziehen, – [insertion:] u. [/insertion] er darüber etwas üblen Humor’s zu sein.
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Was nun mich anbelangt, – so habe ich also am 1ten Juni München verlassen, – bei großer Hitze, – [strikethrough:] aber [/strikethrough] fuhr in einem Tage hierher wo es mir über Erwarten gut gefällt, – u. so unsinnig theuer die Reise, die Bäder, das Leben überhaupt hier ist, – so will ich doch über nichts klagen, wenn ich nur Linderung des qualvollen Kopfschmerzes finde, – gemindert ist derselbe seit ich hier bin sehr, – die Luft ist eben allein schon sehr kräftigend, – das Bad ist ganz von herrlichen Tannen-Wäldern umgeben, – u. alle Spaziergänge führen durch solche, so daß man stets Waldesduft u. Luft athmet. – Leider haben wir in den 3 Wochen meines Hierseins fast beständig Regen gehabt, – doch sind die Waldwege so gut angelegt, – daß man selbst bei herabströmenden Regen darin sicher gehen kann u. scheint die Sonne nur ein wenig braucht man gleich die Nachmittage zu weiten Promenaden. –
Die Zeit vergeht unglaublich rasch, – Vormittags ist man fast ausschließlich mit der Cur, – mit Trinken u. Baden beschäftigt, – u. strengt das den Körper etwas an so daß man auch mehr ruhen muß. – Ich hoffte nach 4 Wochen von hier abreisen zu können, – und findet mich der Arzt hier aber so miserabel, – daß er darauf besteht daß ich 30 – 36 Stuhlbäder nehme u. so werde ich wohl erst bis 12 Juli ohngefähr wieder nach [roman:] München [/roman] zurück können, – u. erlaubt es der sehr geschwächte Geldbeutel
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soll ich noch einmal [insertion:] im August [/insertion] ins Gebirge, vielleicht kalte Bäder nehmen, da ich so sehr an Rückenschmerzen leide. Ich wohne hier hübsch und angenehm, – die Zimmer neben mir hat Gräfin Deyen und (Schwester des Mtr. Walther aus [roman:] München [/roman]) mit ihren 2 Töchterchen, – u. gehe ich auch mit diesen immer zu Tische in ein benachbartes [roman:] hôtel [/roman]. –
Außerdem sind noch einige mir flüchtig von [roman:] München [/roman] bekannte Familien hier, – mit denen man hin u. wieder spazieren geht, – am meisten verkehre ich aber mit unsrem Krieg-Minister u. dessen Gattin, – die von unendlicher Güte u. Freundlichkeit gegen mich finde ein Beweis, daß [roman:] Robert [/roman] etwas bei seinem höchsten Chef gilt. – Sie holten mich sehr oft zu Spaziergängen u. Spazierfahrten ab, – u. verdanke ich ihnen die Cenntniß der ganzen nahen u. fernen Umgebung Marien-Bads; leider reisen sie schon morgen ab, u. werde ich sie sehr vermissen. – Seiner Liebeswürdigkeit die Crone aufzusetzen erlaubte mir der Hr. Minister [roman:] Robert [/roman] auf seiner Rückreise von [roman:] Berlin [/roman], wohin ihn der Kronprinz zum Truppen-Einzuge am 16ten dss geladen hatte, – einzuladen auf 2 Tag hierher zu kommen, – was ich natürlich mit Freuden that u. was dieser sich nicht zwei Mal sagen ließ. –
Am 21ten Abends kam [roman:] Robert [/roman] hir an, – blieb den 22ten u. 23 ten an welchem Tage Abends 9 Uhr er wieder von hier nach [roman:] München [/roman] zurück mußte, da heuer dort
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dringende Arbeiten harren; so waren wir denn 2 Tage sehr vergnügt hier zusammen, – [strikethrough:] d [/strikethrough] u. da auch das Wetter gerade heiter war, sah doch [roman:] Robert [/roman] von der hiesigen hübschen Umgebung das Wesentlichste, – u. machte mit mir ein Diner beim Herrn Minister mit.
Daß mein Gatte das große Ereigniß des Truppen-Einzuges in [roman:] Berlin [/roman] mitmachte, – u. in den 5 Tagen seines Dortseins doch auch die preussische Residenz kennen lernte, – machte mich sehr glücklich, er hat Interessantes gesehen u. erlebt, – war der Gast des Kronprinzen, – machte das große Kaiser= Diner u. die Festvorstellungen mit, – u. die 36 Photographien verschiedener hohen Herren u. preussischen Offizieren die er mitbrachte, zeigen mir, daß er sich im preussischen Hauptquartier viele Freunde erworben hat, – auch versichert mir das immer wieder ein sich hier befindlicher Adjutant des Kronprinzen, dessen Bekanntschaft ich gleich Anfangs hier machte, – wie auch [roman:] Robert [/roman] den freundlichen Empfang der ihm in [roman:] Berlin [/roman] wurde nicht genug rühmen kann. – Außer [strikethrough:] dem [/strikethrough] der Gala-Tafel beim Kaiser, – war er noch beim Kronprinzen im [roman:] Palais [/roman] zum Diner geladen, wo er dessen Frau u. Kindern vorgestellt wurde; – u. die 3 übrigen Tage gab der Kronprinz großartige Diner’s im [roman:] Hôtel Petersburg [/roman], das trocken [roman:] Couvert [/roman] 10 Thlr, – Equipage stand immer zur Dispsition,
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kurz [roman:] Robert [/roman] lebte in diesen Tagen ganz [roman:] en Grand [/roman] [roman:] Seigneur [/roman], – u. wird mit seinem nun stillen arbeitsangestrengten Leben einen großen Contrast finden. –
Aus den Zeitungen hast Du wohl gehört, daß der größte Theil unserer Armee im Laufe des Juli in die Heimath zurückkehrt; – von den Brüdern muß also nur Emil in [roman:] Frankreich [/roman] bleiben u. ist jetzt noch in der Nähe von Paris, – ich hörte aber von einer mit [roman:] Rosa Loyon [/roman] befreundeten sich hier befindenden Würzburger Familie, er würde noch im Laufe des Sommer’s heirathen u. zwar glaubt man in [roman:] Kissingen [/roman] wo die ganze Familie [roman:] Loyan [/roman] zum längern Aufenthalte verweilt.–
Wir selbst, sind ohne nähere Nachrichten von Emil. – Von meinen nähern Freunden u. Bekannten kehren alle nach [roman:] München [/roman] zurück; [roman:] Oscar [/roman] der eben zur Cur in Wildbad ist wird den Einzug in [roman:] München [/roman] zwar mitmachen dann aber in Garnison nach Augsburg kommen. –
Der Einzug in [roman:] München [/roman] verspricht brillant zu werden man erwartet denselben zwischen dem 20-23 [strikethrough:] 0 [/strikethrough] ten Juli, – u. hofft man mit ziemlicher Bestimmtheit daß der Kronprinz v. Preussen dazu nach [roman:] München [/roman] kommen wird, – wenigstens hat er [roman:] Robert [/roman] gesagt, er würde ihn dann während seines
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dortigen Verweilens, zu seinem Stabe beordern, so daß R. in der suite des Kronprinzen den Einzug mitmachen wird. – Das werden in [roman:] München [/roman] bewegte Tage werden, – ich freue mich darauf, – und hoffe dann recht gesund auch recht viel Genuß davon zu haben, – da muß aber freilich die Bade- und Trinkcur hier noch Wunder wirken. –
Marienbad ist ein sehr besuchtes Bad, u. wäre es wohl noch mehr, – wenn es nicht immer so kalt u. regnerisch wäre, daß man sich wie im Winter kleiden muß; die Mehrzahl der Gäste sind Norddeutsche, – auch viele oestereichische Offiziere, – vor Allem aber machen sich wie jetzt überall die Juden breit, – u. verschwindet das kleine Contingent was Baiern gestellt hat, gänzlich. – Doch nun mein lieber Bruder, – habe ich Cur – wiedrig viel geschrieben u. muß vor Tische noch etwas ruhen. – Zudem ich mich der Hoffnung hingebe, daß diese Zeilen dich bald, u. [insertion:] Dich [/insertion] u. die Deinigen im besten Wohlsein antreffen, – u. Dich bitte mir bald von Euch zu erzählen, – grüßt Euch alle insgesammt von Herzen Eure Emma. –
Deinen Brief sende also nur nach [roman:] München [/roman].
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