Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, May 8, 1871.
Original text
[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
München d. 8ten Mai 1871
Mein lieber Bruder!
Dein lieber Brief vom 15ten April erreichte mich vor 6 Tagen
u. beeile ich mich denselben zu beantworten u. Dir als [roman:] pendant [/roman]
zu Robert's Photographie die meinige zu zusende [sic] die zwar
weniger gelungen ist, denn ich habe nun eben einmal diesen
fatalen Mund der alle meine Bilder [verunschäut?] . -
Was Du von Robert's Fett - Zunahme sagst, kann man
von mir nicht behaupten, - denn ich bin in den letzten Monaten
noch dürrer geworden als ich im Winter war, - das beständige
Kopfweh, u. Übeligkeiten bringen mich ganz herunter, -
u. da die hier begonnene Stahlcur meinen Zustand nicht
besserte besteht nun der Arzt darauf, daß ich eine ernste
Cur gebrauche, u. werde ich zu diesem Zweck Anfang Juni
nach [roman:] Marienbad [/roman] in [roman:] Böhmen [/roman] müssen, - wo ich wohin ich zur Reise dahin, als zum Aufenthalt dort, - eine sehr angenehme Gesellschaft
in der Gräfin [roman:] Deym [/roman], Schwester des Dktr. [roman:] Walther [/roman] gefunden habe. -
Ich gehe ungern in einen Bad - Gebrauch, - namentlich dahin
wo es so schwer ist, - doch mein Arzt giebt nicht nach, - u fühle selbst
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zu sehr, daß es so nicht länger fortgehen kann. -
Wie lange ich dort bleibe, hängt von dem Erfolge der Cur,
dem Ausspruchs des Bade - Arztes, - u. vor Allem den Geld=
mitteln ab, - die bei uns bis jetzt noch nicht groß sind, da wir
uns erst seit diesem Monate der Majors- Gage erfreuen, u.
dazu gleich unsre Wohnungsmiethe erhöht wurde, - ein Unfug
der hier nun allgemein um sich greift, u. von dem nur Tante
verschont blieb. - Ich sehe mit Sehnsucht dem Jahre 72 entgegen
wo wir die erhöhten preußischen Gebühren bekommen, - so daß man
sich doch endlich dieser ewigen Geldsorgen etwas entschlagen kann. -
Vier bis 5 Wochen werde ich wohl in [roman:] Marien Bad [/roman] bleiben
müssen, - u. da meine Rückkehr hierher dann gerade in die heißeste
Jahreszeit fällt soll ich dann noch auf 4 Wochen in eine gute
reine Landluft, - u. hängt dieß aber ebenfalls davon
ab, ob Geld vorhanden, u. ob ich Gesellschaft finde, denn der
vielgeplagte Robert kann nicht auf einen Tag von hier
fort. - Daß auch [?] lieber Heinrich fort u. fort [?]
ist uns ein rechter Jammer; es geht eben doch nichts über die
Gesundheit das fühlt man erst wenn dieselbe uns mangelt. -
Daß Eure Reise nach Europa aufgegeben oder aufgeschoben
ist, - beklagen wir zwar sehr; finden es aber unter den
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gegebenen Verhältnißen, - da Fanny's Mutter wieder neuerdings
solch beängstigenden Anfall hatte, - u. [roman:] Harold [/roman] doch noch zu
klein ist, für eine große Reise, - nur sehr begreiflich. -
Namentlich hier, wo das Clima in den letzten Monaten
gerade zu gräßlich, - die Sterblichkeit sehr groß namentlich
unter den Kindern, - u. Ihr würdet Euch ja ewig Vorwürfe
machen, stöße einem der Kleinen etwas zu. -
Die Hoffnung Euch nicht für lange in Deutschland zu sehen
bleibt uns, - sie tröstet für momentane Täuschung. -
Wir haben ein unbeschreiblich garstiges Frühjahr vom 1ten
April bis heute keinen warmen, sonnigen Tage - immer
Regen u. so kalt, daß man geheizt haben muß; die Vegetation
ist ganz zurück, - u. erst allmählig fängt der englische
Garten zu grünen an. - mir ist das Wetter fast lieb,
denn ich bin immer so müde, daß ich doch nicht spaziren gehen
könnte. - Tante rüstet sich wieder zu ihrem alljährigen
Rosenheimer Bad Gebrauch, wohin sie gegen Ende Mai
übersiedeln wird, - für unbestimmte Zeit; sie ist gottlob
recht wohlauf, geht spaziren in's Theater u. ich beneide sie
oft um ihren heitren Sinn ihr reges Interesse. -
Auch die Xylander'schen sind wohlauf; in 8 Tagen
wird die kleine Anna mit [roman:] Resi [/roman] u. dem Kleinsten
Kinde u. der Magd in das bairische Gebirge gehen, u. so
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lange dort bleiben bis Heinrich zurückkehrt, wozu
leider noch gar keine Aussichten sind. - Unsre Offiziere
schreiben sehr gelangweilte u. heimathsehnsüchtige Briefe,
es ist auch gar zu arg daß wegen dieser erbärmlichen Franzosen
unsre tapfren Truppen so lange vom häuslichen Herde
fern gehalten werden. - Graf [roman:] Tattenbach [/roman], dessen Frau
seit Monaten sehr krank ist, bekommt die Erlaubniß auf
14 Tage hierher zu gehen; ich sprach ihn neulich; er sieht gut aus,
sagt aber auch wie satt sie Alle den Aufenthalt in Frankreich
haben, - wie müde sie dieses Hinwarten sind. -
[roman:] Oscar [/roman] wird nach seiner Rückkehr nach vorläufig nach
[roman:] Augsburg [/roman] versetzt, da so lange die [roman:] Occupation [/roman] dauert ein
Theil des Leib - Regiments hier nach [roman:] Augsburg [/roman] muß,
auch manch guter Bekannte von uns kommt da von hier
fort. - Neues, giebt es hier sonst nichts; die Familie
Heintz ist wohlauf grüßt Euch bestens u. dankt für das
ihr zugesandte Programm der New - Yorker Friedens - Feier, -
Auch wir erhielten dasselbe, wie auch die deutsche Zeitung mit
der Beschreibung der Festlichkeiten, das muß ja kolosal [sic]
gewesen sein, - u. jedenfalls großartiger als jede Feier
in Deutschland selbst.
[page 5 (sheet 3):]
Der armen vielgeplagten [roman:] Maman Fanny [/roman], hat hoffentlich
der Aufenthalt in New - York, das Ausruhen von den
häuslichen Sorgen recht gut gethan, - u. sind die dicken
Backen wieder gekehrt, - mager, kann ich mir die Kleine
absolut nicht vorstellen. -
Noch ist nicht bestimmt wann Emil's Hochzeit Statt
findet, - es scheint aber noch im Jahre 71. -
Frau von [roman:] Bauer [/roman] hatte das [roman:] Malheur [/roman] neulich im Zimmer
hin zu fallen u. den Arm zu brechen; Frau [roman:] von Fleschurz [/roman]
Wohnungsmiethe wurde derartig erhöht, daß sie nun
eine andere sucht, daran ist hier nun großer Mangel, da
die Bevölkerung hier sehr zunimmt namentlich Juden
massenhaft hierher ziehen u. die höchsten Miethzinse zahlen. -
Da wir nur um 25 fl gesteigert wurden u. ein Umzug
das Doppelte kosten würde, bleiben wir wohnen, trotz
der Höhe, - u. so sehr schwer mir bei meiner Müdigkeit das
Treppensteigen fällt. -
Frau [roman:] von Trentini [/roman] hat seit 2 Monaten keine
Nachrichten von ihrem amerikanischen Sohne u. weiß
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nicht ob sich derselbe nach [roman:] Boston [/roman] gewendet hat
oder nicht; - ihr andrer verwundet u. gefangener Sohn
ist wieder ganz wohlauf u. seit Wochen Batterie -
kommandant des Forts [roman:] Charenton [/roman]. -
Auch [roman:] Oscar [/roman] mit seinem Regiment liegt bei [roman:] Charenton [/roman],
Heinrich in [roman:] Nogent sur Marne [/roman], Emil in [roman:] Boissy
St. Leger [/roman], u. Alle langweilen sich möglichst. -
Aus der Pfalz habe ich durch Louise Wolf Nachrichten; dieselbe
klagt auch sehr über Kopfleiden u. wird mit ihrer Nichte
im Juli auf einige Wochen nach [roman:] Leligsberg [/roman] in der Schweiz
gehen. - Endlich sind die durch Sterbfälle erledigten Stellen
des Appellgerichts Präsidenten u. Generalprokurators in
Zweibrücken wieder besetzt; erstere durch Ministerialrath [roman:] Weihs [/roman]
letztere durch Oberappellrath [roman:] [Löw?] [/roman], - statt dessen kam Herr
Schmitt als Oberappellrath hierher. - Wenn doch Richard ein
mal dieses Glück blühen wollte; er ist so schreibfaul, daß wir seit
Wochen nichts von ihm hörten. - Doch nun lebt wohl, -
die besten Grüße von Tante, [roman:] Robert [/roman] u. mir an Groß u.
Klein; - Schon Dich recht lieber Bruder u. gieb uns
bald wieder Nachricht. - Deine Emma.
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