Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, July 1836.
Original text
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Copie.
Belleville, Anfangs Juli 1836.
Theuerste Mutter!
Vor einigen Tagen sind die Freinsheimer Leute wohlbehalten hier angelangt u haben das mitgegebene Briefpaket,
also auch Ihren lieben Brief an uns, vom 3. April d.J., nebst den angenehmen Einlagen von Saarlouis richtig
abgeliefert. Den Brief unsere lieben und glücklicher Schwester Marie, vom 9. April, war bereits früher angekommen, so wie
auch ein Blättchen von dem theuren Onkel in Arnsberg. Wie sehr die Ankunft dieser Briefe uns erfreute u wie sehr ihr
Inhalt aus erquickte,— dies läßt sich besser fühlen als ausdrücken. Ich selbst, geliebteste Mutter, habe vor etwa
3 Wochen einen Brief an Sie, datirt von Anfang Juni, auf die Post gegeben, der hoffentlich, so wie ein vorhergehender vom
29. Febr., zu rechter Zeit angekommen seyn wird. Sehr leid ist mir's in der That, daß mein großer Brief aus New Orleans,
der eine umständliche Schilderung der Seereise u unserer Zustände während derselben enthielt, verloren gegangen ist.
Denn ich glaube nun nicht mehr, daß er noch ankommen wird. Wahrscheinlich wurde er gar nicht gehörig auf die
Post besorgt: Edward, der ihn dahin tragen sollte, vertraute ihn dem Steward des Schiffes an, der gerade ausging,
es aber vermuthlich bequemer fand, den Brief in den Mississippi zu werfen, als ihn auf das etwas entlegene
Postamt zu tragen. Ich hatte halb u halb im Sinn, das Interessanteste der Seereise im gegenwärtigen Briefe nachzuholen.
Allein viele Einzelheiten sind nun schon zu sehr in den Hintergrund getreten; u stehen meinem Gedächtniß nicht mehr
zu Gebote; so wie auch die stets wechselnden Eindrücke, die eine solche Seefahrt auf das Gemüth macht, sich schon ziemlich verwischt
haben. Die Schilderung würde also wohl etwas farblos ausfallen,— u überhaupt bleibt das interessanteste und
Wichtigste bei einer Seereise immer — die glückliche Ankunft. Was die Verspätung meines ersten Briefs aus
Belleville betrifft, so rührte sie blos daher, daß Th. Krafft ihn bis New-York mit nahm, und daß dessen Reise durch allerlei
besondere Umstände nicht so rasch von Statten ging, als wir vorausgesetzt hatten. Ziehen Sie also hieraus liebste Mutter, keinen
nachtheiligen Schluß auf die Regelmäßigkeit unserer Korrespondenz. Alle meine Briefe nach Rheinbayern sind bisher
ganz richtig in etwa 6 Wochen angekommen, die Antworten aber in etwa 7-8 Wochen; ein Unterschied, der wahrscheinlich
daherrührt, weil die Packetschiffe, der meist vorherrschenden Westwinde wegen, gewöhnlich schneller von New-York nach
Hause gehen, als umgekehrt.
So weit hatte ich geschrieben als ich durch mehrere Besuche u dann durch dringende Geschäfte von der Fortsetzung dieses
Briefs eine zeitlang abgehalten wurde. Erst heute, der 17t. Juli, an einem schönen, heitern, stillen Sonntage, komme
ich dazu, die Feder wieder in die Hand nehmen zu können. Ich hatte die Wahl zwischen diesem Geschäfte u einem Ritt
zu Hrn Schott — einem Frankfurter von feiner Bildung u liebenswürdigem Charakter — bei welchem heute über die
Gründung eines Lesevereins u einer gemeinschaftlichen Bibliothek beratschlagt werden soll. Allein ich ziehe vor, mich mit
meiner theuern Mutter zu unterhalten, in der Hoffnung, daß die Andern auch ohne mich mit jener Angelegenheit
ins Reine kommen werden.
Vor allen Dingen glaube ich melden zu müssen, daß wir allesamt bis zu dieser Stunde vollkommen gesund
geblieben sind. Zwar mußte unser kleiner Eugen eine zeitlang das Bett hüten, weil eine nächtliche Verkältung, die
er sich durch Wegstoßen der Bettdecke zugezogen hatte, in ein Wechselfieber umgeschlagen war. Allein eine
angemessene Dosis Chinin hat dem Übel bereits ein Ende gemacht; u man darf dergleichen Zufälle, die in jedem
Lande vorkommen können, dem hiesigen Klima wohl nicht zur Last legen. Unsere Zweibrücken Briefe melden, daß
seit unserer Abreise bereits vier unserer dortigen Bekannten gestorben sind, zwei an der Auszehrung, der
Dritte am Schlagfluß, der vierte an einem Unterleibsübel. Unter allen unsern hiesigen Landsleuten hingegen, deren
Zahl doch bedeutend genug ist, hat sich seit den 6 Monaten unseres Hierseyns noch kein bedeutender Krankheitsfall
ereignet. Ich selbst bin weitwohler, als ich jemals in Zweibrücken war, was wohl hauptsächlich der naturgemäßeren
Lebensweise zuzuschreiben ist; u dasselbe läßt sich von allen Mitgliedern unserer Familie sagen, ganz besonders
aber von meinen drei ältesten Knaben, die an Körperkraft, Gewandtheit, Geschick zu praktischen Beschäftigungen
so wie auch an geistiger Lebendigkeit bereits auf eine merkwürdige Weise zugenommen haben. Überhaupt
sind wir Alle der Meinung, daß man dem hiesigen Klima — so weit nämlich unsere bisherige, freilich nicht sehr
lange Erfahrung reicht, viel zu viel Uebeles nachsagt. Der vergangene Winter war freilich etwas lang u die
Witterung, besonders im Februar u März, sehr abwechselnd. Allein schon der Monat April war ohne Vergleich
schöner, d. h. heiterer, milder u lieblicher, als er in Deutschland zu seyn pflegt,— seitdem haben wir fast
ununterbrochen angenehmes Wetter gehabt. Es ist nicht zu verkennen, daß der Himmel unseres neuen
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Vaterlandes bei weitem heiterer u freundlicher ist, als der Deutsche. Trübe, regnerische Tage sind hier in der That
eine Seltenheit, u von wochenlangem schlechtem Wetter, wie es so oft in Deutschland vorkommt, ist hier gar keine
Rede. Gewitter sind zwar häufig, u in der Regel ziemlich heftig; allein sie gehen schnell vorüber, u gewöhnlich
pflegt unmittelbar nachher wieder das schönste Wetter einzutreten. Hier gelten buchstäblich die Worte des Liedes:
"Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt, u lauter Donner um uns brüllt, so lacht am Abend nach dem Sturm
"Die Sonne doppelt schön";— Während in Deutschland bekanntlich auf ein Gewitter in der Regel kaltes
Wetter u mehrere rauhe Regentage zu folgen pflegen. Auch die Sommerhitze haben wir bis jetzt, ob schon
wir bereits in der zweiten Hälfte des July sind, nicht so gar arg gefunden, als wir nach den Schilderungen Anderer
glauben mussten. Zwar scheint allerdings die Sonne hier, zwischen dem 38. u 39. Breitengrad, herzlich warm, und
unser gelehrter Wetterbeobachter, Dr. Georg Engelmann in St. Louis, will schon einigemal über 30 Reaumur
gefunden haben. Allein ich kann in Wahrheit sagen, daß uns die Hitze bisher noch nicht drückend vorgekommen
ist, seyns nur, dass wir dies der besonders günstigen Lage unseres Gutes, wo fast immer ein frisches,
angenehmes Lüftchen weht, oder der reinern Beschaffenheit der Luft überhaupt, oder den übertriebenen
Vorstellungen verdanken, die wir uns in Bezug auf diesen Gegenstand gemacht hatten. Ganz irrig finden wir
ins besondern die so oft wiederholte Behauptung von einer allzugrellen Verschiedenheit zwischen der Hitze des Tages
u der Kühle oder gar Kälte der Abend- und Nachtzeit. Ich kann ehrlich versichern, daß diese Verschiedenheit
in Zweibrücken bei weitem auffallender u empfindlicher war, als sie es hier ist. Wir hatten bisher nach warmen
Tagen auch milde u angenehme Abende u Nächte, — wenigstens in der Regel; so daß wir oft nicht einmal
nöthig finden, am Abend den Rock oder Warmes anzuziehen, den wir den Tag über abgelegt haben, u daß man
nicht selten bei offenen Thüren u Fenstern schläft. Gegen Morgen, wo ein sehr reichlicher Thau zu fallen pflegt,
wird es allerdings etwas kühl; allein dies ist ja fast überall der Fall u durchaus keine besondere Eigenheit
dieses Landes. Kurz, wir sind bis jetzt mit dem hiesigen Klima zufrieden, u mehr als zufrieden. Sollte es
sich vielleicht späterhin meines Lobes unwürdig zeigen, so behalte ich mir vor, es eben so aufrichtig zu
schelten, als sich es für jetzt gepriesen habe.
Ich nehme nunmehr den in meinem letzten Briefe abgebrochenen Faden, nämlich die Beschreibung unserer Wohnung
u ihrer Umgebungen, wieder auf. Wenn ich nicht irre, so war ich bis zum Garten gekommen. Mit diesem will ich
nun mein liebstes Mütterchen, als große Gartenfreundin, näher bekannt machen. Vor Allem muß ich dagegen
protestiren, daß man sich dabei nicht etwa, — wie es bei manchen andern Farms wohl der Fall ist — ein
nachläßig umzauntes u noch nachlässiger eingetheiltes u bepflanztes Stück Land, sondern einen recht hübschen,
mit einem schönen u starken Zaun von gesägten Latten u Pfosten eingefaßten, nach europäischem Geschmack
geordneten u wohlbesorgten Garten vorstelle, der im ganzen Deutschen Settlement einer ausgezeichneten
Reputation genießt und — unter uns gesagt — sie auch verdient. Er liegt, wie Sie schon wissen, gerade der
Vorderseite des Hauses gegenüber, bildet ein großes Stiereck, welches etwa einen acre Landes enthält
u ist von 6 parallellaufenden Wegen durchschnitten, die sich durchkreuzen und den Garten in 16 regelmäßige Quadrate
theilen. Am Ende des Mittelwegs ist ein etwa 10 Schritte langer Laubengang, den wir schon vorfanden u der jetzt mit
blauen u rothen Weiden u farbigen Bohnenblüthen umraukt ist, die des Morgens einen wunderschönen Anblick darbieten.
Obschon der Garten ziemlich verwildert aussah, als wir ihn in Besitz nahmen, so trafen wir doch darin manche
werthvolle Blumen u andere Gewächse an, was wir den Umstande zu verdanken hatten, daß der frühere
Eigenthümer die Gärtnerei mit besonderer Vorliebe trieb. Wir fanden namentlich ein großes Spargelbeet, eine
hübsche u reichliche Anlage von Stachelbeeren, Johannisbeeren u Himbeeren, eine kleine Baumschule; — an
Blumen: eine sehr schöne Art Schwertlilien, Nelken, einen herrlichen Strauch, den sie Almonds Flower (Mandelblume)
nennen, u der die schönsten Blütenstrauße trägt, die ich je gesehen haben; sodann eine Art Karthäuser
Nelken, Rittersporen, einige Spireen, Näglein Büsche u. s. w. Dazu kamen dann noch unsere mitgebrachten
Blumensämereien, die alle vortrefflich aufgingen u unter der sorgfältigen u kundigen Pflege meiner
Frau aufs Beste gediehen; so daß wir in der That schon im ersten Jahre einen weit schöneren Blumenflur
hatten, als jemals in unserm Zweibrücken Garten, —besonders schöne Balsaminen, spanische Wicken,
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dunkelbraune Pfaffenkutten etc. etc; die Amerikaner, die in der Gartenkunst noch sehrweit zurück sind,
können dies Alles nicht genug bewundern, u sagen einmal über das anderemal: "a first rate Garden,
indeed!" D.h. ein Garten erster Klasse, in der That"! Die Gemüsesorten, welche wir im Garten haben
sind dieselben, welche sich in jedem wohlbesorgten Garten in Deutschland finden, u bedurfen keiner besondern
Aufzählung. Ich will nur noch bemerken; daß alle mitgebrachten Sammenarten ohne Anstand aufgegangen und
gut gediehen sind; ferner, daß wir durch Zufall zu einer Art Kartoffeln kamen, die so vortrefflich
sind, wie ich sie nur irgendwo in Deutschland angetroffen habe, u mit welchen mehrere Beete im
Garten bepflanzt sind, sodaß wir hoffentlich für immer bei der Art bleiben werden. Weit weniger
zufrieden bin ich mit den Obstkernen, die ich mitbrachte; es sind mir von Allen nur einige Aprikosen
u einige Nußbäume aufgegangen.
Ich habe, wie ich glaube, schon früher gesagt, daß das zu meinem Gute gehörige urbare Land, mit Zubegriff des
Hofes u Gartens, etwa 30 Acres (40 Deutsche Morgen) beträgt, u ein großes, wohleingezäuntes Viereck
bildet, in dessen Mitte, auf einer Höhe, die Wohngebäude liegen. Recht anmuthig ist von allen Seiten die
Aussicht von Letztern, besonders gegen Westen hin, wo Wald u Felder freundlich mit einander abwechseln
u in der Ferne mehrere andern hübsche Farms erscheinen, die sich mit ihren lieblichen Umgebungen
wirklich ausnehmen, wie die schönsten Parthien eines großen Parks. Gegen Osten haben wir die Aussicht
auf Belleville, jedoch nur im Winter, indem vom Monat März an, das Laub des Waldes die Stadt
verdeckt u nur einige Häuser durchschimmern läßt. Gegen Süden u Norden ist das urbare Viereck
durch den zu unserm Gute gehörigen Wald begränzt, der mancherlei abwechselnde Formen darbietet,
u mit seinem ungemein frischen u dunkeln Grund, das Auge sehr ergötzt. Ueberhaupt sind die Wälder dieses Landes
besonders im Frühling, ungemein schön u durch viele anmuthige Vögel, unter denen besonders Turteltauben häufig
sind, sehr belebt. Neulich, als wir zu einem großen Picknick führen, das in der Nähe der Engelmannischen
Farm gehalten wurde, überraschten uns an viele Stellen die prächtigsten Parthien von Waldrosen die sich
mit dem grün der Bäume wunderschön gruppirten u uns mehrmals Ausrufungen freudiger Verwunderung
entlockten. Mit einem Worte, wir sind in einem schönen Lande, u das Plätzchen, das wir darin gefunden
haben, gehört mit zu den Anmuthigsten dieses schönen Landes. Ueberhaupt, wenn alle unsere Verhältnisse
sich fortwährend so freundlich gestalten u entwickeln, als es bis jetzt den Anschein hat, so kann ich in
Wahrheit sagen, daß alle meine Erwartungen u Wünsche nicht blos erfüllt, sondern übertroffen
werden. Auch meine Frauenzimmer befreunden sich täglich mehr mit unserer neuen Lage, u die Stimmung, der
ganzen Familie wird täglich heiterer u fröhlicher. Wenn auch die Landwirthschaft weniger vortheilhaft und
weniger leicht ist, als wir uns dachten— weil fremde Hülfe zu selten u zu theuer ist — so gleicht sich dies
durch anderen Annehmlichkeiten wieder aus. Ohnehin war es nie unser Plan, eine weitläufige
Landwirthschaft zu treiben, u auch in so fern stimmt die Beschaffenheit unseres Gutes mit unsern wünschen
überein. Doch, mein Blatt ist schon wieder zu Ende. In den nächsten sollen Sie etwas mehr von unserer
Lebensweise, unseren Bekanntschaften, unseren Ausflügen usw. erfahren. Für jetzt füge ich nur noch hinzu, daß
Edward H. u meine Emma so eben von einer Landreise, die sie im deutschen Settlement machten, zurückgekehrt
sind u die gute Nachricht mitbringen, daß sie dort lauter gesunde u vergnügte Leute angetroffen haben. Tausend
herzinnigliche Grüße von uns Allen an Sie, geliebteste Mutter, an alle Verwandte u Freunde, die diese
Zeilen lesen werden u Unser in Liebe gedenken. Ihr treuer Sohn Th. Hilgard sen.
P. S. Vor einigen Wochen — am 4. July— haben wir in Belleville das große Nationalfest der Amerikaner, den Jahrestag der
Unabhängigkeits-Erklärung, gefeiert. Es fehlte freilich an dem Pomp, womit in Europa die Namens- u Geburtstage der
Fürsten gefeiert zu werden pflegen; aber wie erhaben u ergreifend war dagegen der Sinn des Festes!
Es wurde zuerst im Courthoure (Justizgebäude) bei zahlreicher Versammlung eine religiöse Danksagungsrede
gehalten, die wenig Werth hatte; dann folgte die Vorlesung der Unabhängigkeits-Urkunde, dann eine
politische Rede, die recht gut war. Hierauf zogen alle Anwesende, Arm in Arm, auf einen freien
Platz, wo ein großes Diner gehalten wurde. Unter den Toasts, die im Ganzen schön und passend waren, kam auch
folgender vor: Unsern Brüdern aus Europa, die politischer Druck aus ihrem Vaterlande getrieben; wir
"Heißen sie willkommen im Vaterland ihrer Wahl!" Bei den Toasts zum Andenken an Washington und
Lafayette hieß es, sie seyen stehend, mit entblößtem Haupte u schweigend auszubringen,—während alle
andern Toasts von 3 oder mehr Hurrahs begleitet waren. Ueberhaupt war das Benehmen der
Amerikaner bei dieser Gelegenheit durchaus würdig u gut.
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