Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, September 7, 1838.
Original text
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Datum meines letzten Briefes = 28 July 1838.
den 9. September 1838.
Theuerste Mutter!
fast möchte ich diesen Brief ebenso anfangen, wie den vorigen, nämlich mit Wehklagen über die Hitze, und noch
mehr über die unerhörte Trockenheit, welche in diesem Jahre mit unbarmherziger Beharrlichkeit fast alle Quellen, Bäche
u Brunnen austrocknet u alles vegetabilische Leben zu vertilgen droht. Die Kartoffeln sind heuer in Durchschnitt nicht dicker ge-
worden als mäßige Pflaumen, die Melonen wie Äpfel etc. etc. und noch immer geht die Sonne jeden Abend bei dem klärsten
Himmel unter, u. jeden Morgen bei den klärsten Himmel auf. Gewährte nicht der nächtliche Thau einige Erfrischung, es
wäre schon längst alles zu Grunde gegangen. Daß der allgemeine Gesundheitszustand bei solcher Witterung nicht sehr
brillant sein kann, läßt sich denken. Wechsel- und Gallenfieber sind ziemlich häufig, obwohl nicht gerade sehr bösartig.
Im Kreise unserer Bekannten ist bis jetzt nur ein Todesfall vorgekommen. Frau Raith, Mutter einer zahlreichen,
jedoch meist aus schon erwachsenen Personen bestehenden Familie, wurde von dem Wechselfieber so heftig ergriffen,
daß sich eine Art Schlagfluß dazu gesellte, der sie augenblicklich tödtete. Das zweite Opfer u. zwar fast ganz
auf derselben Weise, wäre beinahe Freund Ledergerber geworden. Er erkrankte vor etwa 14 Tagen
plötzlich u sehr heftig, wahrscheinlich in Folge übermäßiger Anstrengungen bei den Erndtegeschäften— u. war
einige Tage lang in Lebensgefahr jetzt ist er genesend. Auch mein Haus ist heimgesucht worden, unser Julius u Theodor
vermuthlich durch unvorsichtiges Baden — sich gleichfalls das Wechselfieber zuzogen und 8 bis 10 Tage lang das Bett
hüten mußten. Doch ist wieder Alles vorüber bis auf etwas Mattigkeit in den Gliedern etc. Die übrige Hausgenoßen-
schaft ist vollkommen wohl auf, nur daß meine Frau fortwährend mit den alten Übeln, die ich in meinem vorigen Briefe
erwähnte, zu kämpfen hat, was bis weilen niederschlagend auf ihre Stimmung wirkt, und der Heiterkeit, wozu
alle unsern hiesigen Verhältnisse uns auffordere, einigen Eintrag thut.
In einigen Wochen werden wir, denk ich eine Hochzeit haben, nämlich die von Theodor Krafft mit Mary Mitchell,
einer nicht sehr hübschen aber gebildeten und liebenswürdigen Amerikanerin aus Belleville. Es ist
eine alte Liebesgeschichte, die drei Jahre lang durch allerei dumme Mißverständnisse verwirrt war, bis
meine Molly, die mit Mary M. sehr innig befreundet ist, als Vermittlerin auftrat u die halbgebrochenen
Herzen aussöhnte, so daß jetzt beide in Seligkeit schwimmen. Th. Krafft, der sich längst von Flanagan getrennt hat,
ist jetzt eben daran, sich in Belleville einen Kaufladen auf eigene und alleinige Rechnung zu etabliren, u sobald dies
geschehen ist, wird er sich mit seiner Mary (sprich May) verbinden. Dies wird wahrscheinlich etwas ganz Neues und
Unerwartetes für seinen Vater u seine Geschwister sein; denn vermuthlich hat er noch nicht das Mindeste davon gegen sie
verlauten lassen. Dies ist so Th's Art, u über dies will die amerikanische Sitte, daß Liebesverhältnisse, selbst wenn sie
bis zum Verlöbnisse gediehen sind, soviel als möglich geheim gehalten werden. Öffentlich anerkannte Verhältnisse,
wie in Deutschland, gibt es hier nicht, u selbst die Einladungen zur Hochzeit lauten nur auf eine "Abendgesellschaft",
bis plötzlich u zur wirklichen Überraschung mancher Gäste, die das Geheimniß nicht errathen haben, das Brautpaar
auftritt u von einem geistlichen Herrn eingesegnet wird. Ich gestehe, daß diese Sitte mir besser gefällt als
die deutsche. Es liegt mehr Delikatesse darin u. hat auch in praktischer Beziehung seine gute Seite. Ein übereiltes
Verlöbniß kann bei dieser Sitte leicht u ohne Skandal aufgelöst werden, ein glückliches aber wird eben so fest bleiben
als bei der größten Publizität. Überhaupt haben die Amerikaner in dieser Materie einen sehr feinen Takt. So
würde man es z. B. hier zu Lande lächerlich und unschicklich finden, wenn eine Braut in ihrer Aussteuer ein Bett
mitbrächte. Es läßt sich, wie ich glaube, ziemlich allgemein sagen, daß die amerikanische Sitte in Allem, was das
Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander betrifft, weit reiner und feiner ist, als die Deutsche oder französische
u eben deshalb ist hier der Umgang beider Geschlechter weit ungezwungener; denn an weniger Angst fällt
die übermäßige Ängstlichkeit in den Formen des Umgangs von selbst weg.
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Ich weiß nicht, liebste Mutter, ob ich Ihnen schon gesagt habe, daß auch meine Molli ihr Herz verschenkt hat,
und zwar an einen jungen, 23 jährigen, sechs Fuß hohen Amerikaner, Namens Tyndale sprich Tyndeel).
Freilich sollte ich, nach dem Obigen, eigentlich noch nicht davon reden. Allein da unter uns deutschen der gleichen Dinge
mehr aus geplaudert werden, so ist die Sache ohnehin ziemlich ruhtbar geworden. Tyndale ist ein junger Mann
von guter Erziehung u sehr feinen Manieren, u besonderer Delikatesse im Umgange mit Frauenzimmern,
was so vielen unserer jungen Deutschen fehlt. Er is der älteste Sohn eines angesehenen Kaufmanns in Philadelphia
u selbst zum Kaufmannsstande herangebildet. Gewisse Verhältnisse veranlaßten ihn, eine Zeitlang in hiesiger
gegend bei einem Schwager zuzubringen u so lernten wir ihn kennen. Sein Plan ist in Gemeinschaft mit einem
jüngern Bruder- der uns auch kürzlich besuchte, das ausgedehnte Geschäft seines Vaters, der sich zurückziehen
will zu übernehmen, etc. Ich billige die Wahl meiner Tochter, u hoffe eine erfreuliche Zukunft für sie. Freilich
müßen wir sie, wenn S. sich in Philadelphia etablirt, weit von uns ziehen lassen. Allein wer so viele Kinder
hat wie ich, wäre thöricht, wenn er sich Hoffnung machen wollte, sie alle in der Nähe zu behalten. Zudem ist, bei
der hiesigen Art zu reisen, jede Entfernung gering. In 10 Tagen kann man von hier nach Philadelphia gelangen,
u wer weiß was sich an einen solchen Ausflug sonst noch anknüpfen läßt. Sieht man einmal das atlantische
Meer vor sich, so ist ja wahrhaftig eine Überfahrt nach Europa- auf dem Great Western oder der English Queen-
nur noch eine partie de plaisir!— Fritz Hilgard wird nun wohl seine Rückreiße nach Am angetreten haben. Er
wird hier mit der größten Ungeduld erwartet, da sein Associe Cunradi bei aller Thätigkeit unmöglich alle
Geschäfte des Etablissements gehörig bestreiten kann, der miserable Wassel aber etwas Tüchtiges
weder leisten kann noch will.
Adieu, liebste Mutter. Tausend Grüße an alle unsere Lieben.
Ihr treuer Sohn
Theodor Hilgard senior.
am 12 t. September
1838
Für richtige Copie
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