Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, March 6, 1838.
Original text
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Copie.
Gut Oakley bei Belleville, d. 6. März 1838.
Theuerste Mutter!
Mein letzter Brief war vom 10. Februar. Ich gedenke von nun an jeden meiner Briefe damit anzufangen, daß ich das Datum des
vorher gehenden angebe, damit Sie sogleich beurtheilen können, ob er richtig angekommen, u damit ich nicht wieder, wie vor einiger
Zeit, ganz unschuldig in den Verdacht der Nachläßigkeit falle; — einer Nachläßigkeit, welche sich wirklich— ich fühle das tief, beste Mutter—
auf keine Weise entschuldigen ließe. — Seit meinem Letzten haben sich in unsern häuslichen Verhältnißen ziemlich bedeutende Veränderungen
zugetragen. Der Nachfolger des alten Adam, schwach u. sündhaft wie Jener, gerieth gleichfalls in die Wege des Uebels; d. h. um
ohne weiteres Gleichniß zu sprechen, er wurde verdrosen, anmaßend u. undienstfertig, wie sein Vorgänger. Ich schickte ihn daher
zu Ende Februars weg, u damit sich nicht dasselbe verdrießliche Spiel immer fort erneuern, beschloß ich, mein urbares Land zu
verpachten u mir künftig keinen Knecht mehr zu halten. Mein Pächter ist ein naher Nachbar ein Deutscher aus Alzey,
Namens Kuntz, nicht ganz von gemeinem Schlage u allen Anschein nach ein rechtlicher Mann. Ich stelle das Zugvieh, das nöthige
Ackergeräthe u die Saatfrucht. Der Pächter hat alle Arbeiten zu verrichten, u den Ertrag des Guts theilen wir zu gleichen
Hälften miteinander. Dies ist die gewöhnliche Art, wie man hier zu Lande verpachtet, u. ich glaube, daß ich bei diesem
Verhältnisse nicht nur angenehmer leben, sondern auch im Resultat mehr Vortheil aus meinem Gute ziehen werde, da
der entsetzlich hohe Knechtlohn (110-120 Doll: oder 300 kr wegfällt, u. mit ihm auch der Hauptesser an meinem
Tische. Ein besonderer Vortheil ist noch, daß ich meinem Pächter keine Wohnung zu stellen brauche, da sein eigenes
Haus ganz in der Nähe liegt. Den Garten u das Baumstück habe ich mir jedoch vorbehalten, u so hoffe ich nun ungehindert
meinen Liebhabereien— dem Gartenbau, der Obstbaumzucht u. der Pflege des Weinstocks — nachgehen zu können. Unsere
Viehzucht gedenken wir nun auf das zu beschränken, was zu den Comforts einer ländlichen Haushaltung gehört, d. h. auf
5-6 Milchkühe; einige Pferde u. ein dutzend Schweine, was bei der einfachen Art, wie das Vieh hier behandelt wird, garleicht
durch meine drei Knaben in ihren Nebenständen besorgt werden kann. Meine Frau u ich selbst sind sehr erfreut über diese
Veränderung, u wir sehen einem recht vergnügten Jahre entgegen. Besondern Werth lege ich auch darauf, daß mir nun Muße genug
übrig bleiben wird, nun meinen Kindern einen ganz regelmäßigen Unterricht ertheilen zu können, was unmöglich ist wenn man
selbst; auch mit Hülfe eines Knechts, Ackerbau treibt. Das Gesundheits-Bulletin ist auch diesmal wieder so erwünscht
als möglich. Der Witterungsbericht hingegen kann nicht sehr glänzend ausfallen. Denn so angenehm u milde auch der Winter bis
Ende Februar war, so hat doch der Februar sein Recht geltend gemacht u die Rechnung ziemlich ausgeglichen. Während dieses ganzen
Monats war es scharf kalt, meist zwischen 10- 15 Grad Raum; einige mal sogar bis gegen 20 Grad; u. in diesem Augenblick - also am
6. März — liegt noch eine ziemlich dicke Schneedecke auf der ganzen Gegend um unsher. Das Land des ewigen Sonnenscheins
ist eben nirgendwo zu finden,— u. wäre es auch, so würde es vielleicht das langweiligste von allen seyn. Die lebenslustige
Jugend von Belleville— (denn der strenge Methodistengeist ist hier, hauptsächlich durch den Einfluß der Deutschen, bereits ziemlich
gewichen) — läßt sich durch Schnee u. Kälte nicht abhalten fleißig Bälle zu veranstalten u Theaterstücke aufzuführen. Die Bälle
die früher viel zu wünschen übrig ließen, sind jetzt auch für deutsche Frauenzimmer — namentlich für die meinigen — angenehm und
befriedigend, da man sich Mühe giebt, für bessere Musik zu sorgen, auch die Deutschen sich nach u nach die amerikanische Tänze (eine Art
Contre-Tänze) mehr aneignen, so wie die Amerikaner ihrerseits anfangen, Walzer u Galoppaden gern u gut zu tanzen. Ueberhaupt
je länger man an einem Orte lebt, u je mehr der Kreis angenehmer u interessanter Bekanntschaften sich erweitert, deso befriedigender
werden solche Belustigungen für junge Frauenzimmer. Selbst das Liebhabertheater, (auf welchem auch die weiblichen Rollen, durch
Männer gespielt werden) gewährt dem jungen Völkchen viele Unterhaltung, u es ist eine Freude, das jubelnde Entzücken des
amerikanische Publikums mit anzuhören, dem so etwas neu ist, u. das oft sein Ergötzen durch ganz übermäßige Ausbrüche
zu erkennen giebt. Th. Krafft gilt für den besten Acteur, u zeigt— was ich kaum gedacht hätte — auch besonders viel
Talent für das Komische. Meine Mädchen u selbst meine Frau werden oft in Anspruch genommen, um Theater-Costüme
zu ersinnen u zu fabriziren, u haben bald einen türkische Turban u Kaftan, bald ein Staatskleid aus dem Mittelalter
in Arbeit, was ihnen nicht wenig Spaß macht. Selbst mein ehrlicher Appelationsraths-Degen, das einzige europäische
Flitterstück, das ich mitgenommen, hat bereits mit Effekt auf dem Theater figurirt u. einen schrecklichen Mord verübt.
Als ich die Feder ergriff, um diesen Brief zu schreiben, hatte ich vor, einem vor langer Zeit angesponnenen, aber seitdem abgerissenen Faden
wieder aufzugreifen, nämlich die nähere Schilderung unserer hiesigen Bekanntschaften; denn ohne diese können Sie sich doch immer nur eine sehr
unvollkommene Vorstellung von der Existenz u den Verhältnissen machen, in welchen wir uns hier bewegen. Allein nun bin ich schon wieder mit
meinen Raum fast zu Ende. Doch will ich einen Anfang machen, um den Gegenstand wieder in Gang zu bringen, u vor Allem noch Einiges
von der uns so nahe stehenden u so werthen Familie Engelmann erzählen. Daß wir sowohl mit den Alten, als mit sämmtlichen jüngern
Branchen derselben auf dem allerfreundlichsten Fuße stehen, habe ich, wie ich glaube, schon früher gelegenheitlich gesagt; u. ich füge hier
der Wahrheit gemäß u mit großem Vergnügen hinzu, daß überhaupt zwischen Allen unsern hiesigen Verwandten ein sehr gutes Vernehmen
u. ein durchaus freundlicher Verkehr herrscht. Man könnte in der That den Kreis von Verwandten u Freunden, wie er in der hiesigen
Umgegend zusammen hauset, mit allem Recht idealisch, oder doch idyllisch nennen, wenn die Finanzen überall in Ordnung
wären. Doch, ich will nicht antizipiren.— Bei dem letzten Geburtstag der Tante Engelmann war ich mit meiner Frau zum
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Besuch dort, u. wir trafen eine so zahlreiche Gesellschaft an, daß das Haus buchstäblich ganz angefüllt war, fast lauter Verwandte,
oder doch ganz nahe Freunde. Alle scheinen sehr vergnügt zu seyn, u gewiß blickten die beiden Alten mit Freude u Stolz auf den
zahlreichen Kreis von Kindern u. Enkeln, die um sie versammelt waren, u denen hier eine sorgenfreie Zukunft winkt. Solche
Scenen sind wahrhaft patriarchalisch, u zwar um so mehr, da hier auch die äußern Umgebungen mit dem Bilde, welches wir uns
von der Urzeit machen müssen, zusammen stimmen. Denn ich denke mir, daß das Haus u die Zimmer des Vater Abraham
nicht brillanter waren, als die des Vater Engelmann, vielleicht noch etwas weniger. Während die andern noch bei Tische waren,
setzte ich mich in das obere Stübchen, auf ein zwar einfaches, aber doch beguemes Kanapee, welches der Schwiegersohn Decker
ein Jahr früher fabrizirt u der Tante als Geburtstagsgeschenk gegeben hatte. Frau Lottchen Ledergerber ging in demselben Stübchen
auf u ab, um ihren kleinsten Jungen, den sie auf den Armen wiegte, einschlafen zu machen. Gleich darauf kamen auch Frau
Decker u Frau Koerner, u dann Frau Emma Hilgard, jede mit ihrem Säugling auf den Armen: u. nun liefen sie alle Viere
in dem Stübchen hin u her, um ihre Kleinen einzulullen u einzutänzeln. Es war zugleich komisch u rührend, u. ich sagte ihnen
gleich, daß ich dies meiner Mutter schreiben würde. Der Onkel Engelmann, obwohl etwas weniger dick, als früher, u ziemlich
schwerhörig, sieht sehr gut u. rüstig aus, u so ott ich ihn noch sah, war er, wenigstens dem Anscheine nach, vollkommen heiter. Auch die Tante ist
ungemein frisch u munter. Welch ein glückliches Paar alter Leute würden sie seyn, wenn sie nicht noch immer an der alten, unheilbaren
Wunde bluteten! — Die Stärkefabrik, auf welche früher große Hoffnungen gebaut wurden, u auf deren Einrichtung der Onkel u.
seine Helfer so viele Zeit u Anstrengung u eine wahrhaft bewundernswerthe Ausdauer verwendeten, wird gar nicht oder
doch nur äußerst schwach betrieben, weil die Waizenpreise zu hoch sind, als daß diese Fabrikation etwas namhaftes abwerfen
könnte. Denn der Preis der Stärke kann nicht in gleichem Verhältnisse steigen, weil sie Handelsartikel ist u auch aus Europa
eingeführt wird. Daß der Sohn Ludwig sich in einigen Monaten mit der braven Marianne Scheel verheirathen u dann mit ihr in dem
erst angelegten Städtchen Mecaniksburgh (wo auch Fritz Hilgard haust) ein Gasthaus etabliren wird, wissen Sie wohl schon.
Die Umstände scheinen diesem Unternehmen günstig, u da Marianne zu einem solchen Geschäfte ganz paßt, auch allgemein
beliebt u geehrt ist, so steht das Beste zu hoffen. Ob auch die Tochter Betty sich schon in der nächsten Zeit mit ihrem Johann
Scheel verheirathen oder noch warten solle, darüber herrscht, wie ich höre, eine Meinungsverschiedenheit zwischen den jungen
Leuten u der Mutter Betty. Wie gewöhnlich, werden wohl die jungen Leute den Prozeß gewinnen, u ich halte dies auch für
das Beste. Joh: Scheel ist ein höchst wackerer u in seinem jetzigen Wirkungskreise sehr angesehener Mann. Er steht auf dem
besten Fuße mit seinen Vorgesetzten, ist auch sonst allgemein beliebt u geschätzt, u. hat jetzt eine höhere Besoldung, als ein
Regierungsdirektor in Speyer. Man kann daher in Wahrheit sagen, daß die kleine Betty eine brillante Parthie macht. Auch
ist, wie man sich denken kann, der höhere Standpunkt, welchen Johann S. jetzt im bürgerlichen Leben einnimmt, nicht ohne
vortheilhaften Einfluß auf sein Äußeres gewesen, u. er tritt in jeder Beziehung als Gentleman auf. Er hat in Belleville einen
Bauplatz gekauft u gedenkt sich unverzüglich ein Haus darauf zu bauen, was auch weit klüger ist, als der frühere Plan,
der darin bestand, daß er in der Nähe des Engelmannischen Guts eine Farm kaufen, u daß seine Frau hier Landwirthschaft
treiben sollte, während er selbst sich draußen mit den Eisenbahnen u Landstraßen abgäbe. Das Haus kommt auf
einen hohen Punkt in Belleville u in unsere Nähe zu stehen, so daß wir es von unsern Fenstern aus recht gut sehen werden.
Doch ich muß nun für diesmal abbrechen; die Fortsetzung folgt das Nächste mal. — Leben Sie recht wohl, theuerste Mutter,
u grüßen Sie von uns Allen aufs Innigste alle unsere Lieben, mit denen Sie in Verbindung stehen, vor Allem die Geschwister
in St. Johann, Creutznach u Saarlouis u den lieben Onkel in Arnsberg, auch die Pfarrersleutchen in Lachen und
Bergzabern. (NB. die Familie Michel ist noch wohl u. guten Muthes. Th. Engelmann (der Steinwendener) wird
nächstens nach New-Orleans abreisen, um Waaren für die neue Firma einzukaufen.) Nochmals Adieu!
Ihr tr. Sohn Th. Hilgard sr.
Gut Oakley bei Belleville d 10. April 1838.
Theuerste Mutter!
Meinem Vorsatze gemäß, will ich vor Allem hier bemerken, daß mein letzter Brief an Sie vom 6. März d. J. war. Sie müssen
sich, beste Mutter, auf eine Ueberraschung gefaßt machen. Denn, wenn ich richtig rechne u. nichts besonderes dazwischen kommt, so werden
Sie bald nach der Ankunft dieser Zeilen durch einen unerwarteten Besuch von hier erfreut werden, wenn er nicht gar schon eher
anlangt, als der gegenwärtige Brief. Weiter will ich nichts verrathen, so viel aber glaubte ich sagen zu müssen, aus Besorgniß,
daß vielleicht das ganz unvermuthete Erscheinen jenes Besuchs einen allzustarken Eindruck auf Sie machen möchte.
In meinem letzten Briefe hatte ich die Schilderung unserer hiesigen Bekanntschaften wieder aufgegriffen, u da ich diesmal aus
dem Bereiche unseres häuslichen Lebens nichts Sonderliches zu berichten habe, so will ich gleich damit fortfahren u zuerst
einige Worte über die Engelmännischen Schwiegersöhne sagen. Ledergerber ist, wie Sie wohl schon gehört haben werden,
ein leidenschaftlicher, unermüdlicher Landwirth, — eigentlich der Einzige unter allen hiesigen Deutschen aus den gebildetern
Ständen, der die Landwirthschaft ganz versteht u sie mit der gehörigen Kraft u. Ausdauer u persönlicher Anstrengung
betreibt, — wahrscheinlich auch der Einzige, dem sie erwünschte Resultate gewähren wird. Auch in jeder andern Beziehung ist
er ein höchst achtungswerther Mann, verständig, geregelt, praktisch, ein Feind aller Uebertreibungen u Thorheiten, der nur
manchmal hier u da anstößt, weil er über dergleichen Dinge sich freimuthig auszusprechen pflegt. Ich kann Lottchen E. nur
glücklich preisen, daß ihr ein solcher Mann zu Theil geworden. Auch erkennt sie ganz seinen Werth, u. wenn das Gefühl ihrer
glücklichen Lage bisweilen eine kleine Störung erfährt, so geschieht es nur dadurch, daß ihre Kräfte nicht immer hinreichen,
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das große Hauswesen u. zugleich die Pflege ihrer zwei hübschen Knaben zu bestreiten, und
daß sie, wie wir Alle, mit Knechten u Magden ihr liebes Kreuz hat. Sie ist übrigens eine
äußerst tüchtige Hausfrau, in ihrer Art ebenso unermüdlich als Led: selbst, u sieht so blühend
aus, daß man sie für weit junger hält, als sie wirklich ist. Led:, der von Haus aus
Vermögen hat, kaufte vor einem halben Jahre noch eine andern Farm, die an die seinige
anstößt u besitzt jetzt eins der schönsten u besten Landgüter in hiesiger Gegend.
Man fühlt sich unter diesen wackern Leutchen und in ihrem kleinen, aber sehr
freundlichen, netten u stehts äußerst reinichen Hause ungemein woll, u wir
bedauern nur, daß wir etwas zu entfernt von einander wohnen, um sie so oft
sehen zu können, als wir es wünschen. Daß die religiöse Überspannung von
welcher Lottchen früher angesteckt war, der großen praktischen Thätigkeit in welche
ihre Verheirathung sie versetzte, bald unterliegen mußte, versteht sich wohl so
ziemlich von selbst. Sie ist eine milde, freundliche u. liebenswürdige Frau.— Auch
Freund Decker ist ein Mann, der schon bei dem ersten Anblick einen angenehmen Eindruck
macht. Seine Gestalt ist hoch, seine Gesichtszüge, seine Benehmen u seine Unterhaltung sind die eines
gebildeten u feinen Mannes. Schade nur, daß es ihm bei allem seinem Verstande noch nicht
gelungen ist, den rechten Weg zu finden, der hier zu Lande aus dem Labyrinthe prosaischer
Sorgen hinaus führt, u die große Basis aller Familienwohlfahrt, eine richtige Billanz zwischen
Einnahme u Ausgabe festzustellen. Es fehlt ihm nicht an ernster Thätigkeit u eben so wenig
an gutem Willen u an Fähigkeiten zu praktischen Unternehmungen. Er würde, seiner
Persönlichkeit nach, ein trefflicher u. beliebter Kaufmann, Gasthalter, Geschäftsmann,
oder auch Prediger seyn,— denn von Hause aus war er Theologe. Allein der Wunsch
ganz in der Nähe seiner Schwiegereltern zu wohnen, lies ihn den ersten falschen Schritt
thun, der nun alle andern nach sich zieht, nämlich sich ein Haus an einer Stelle zu
bauen, die ganz verloren in einer unfruchtbaren Umgebung im Walde liegt, u sich
eben so wenig zum Ackerbau, als zu irgend einem andern Geschäfte eignet. Und
doch sind die guten Leutchen noch ganz unzugänglich für den Gedanken, diese Stelle zu
verlassen u einen ganz andern Weg einzuschlagen, so oft ihnen auch schon dazu
gerathen wurde. Bei allem dem ist Frau Caroline ein leibhaftiges Bild
unzerstörlicher Heiterkeit u ihr körperlicher Umfang beginnt alles Maaß zu
überschreiten. Sie ist bereits dicker, als das dickste Frauenzimmer der Engelmannschen
Familie (so weit meine Erinnerungen gehen) jemals war, die selige Tante
Rehs nicht ausgenommen.— Von Koerner habe ich Ihnen, wie ich glaube, schon
früher Einiges geschrieben. Er ist wirklich ein ausgezeichnet geistreicher u talentvoller
Mann; namentlich besitzt er— was hier zu Lande von besondern Werthe ist,—
die Gabe der Rede u das praktische Savoir faire überhaupt, in sehr hohem Grade.
Das Einzige, was mir anfangs an ihm mißfiel, war eine übertriebene
Dispütirsucht, die ihn oft verleitete, Behauptungen zu verfechten, deren Falschheit er
selbst einsah, u die ihn namentlich auch mit Papa Engelmann sehr häufig in Collision
brachte, so daß wir beiden Alten ihn öfters gemeinschaftlich dazwischen nehmen.
Alleinn nach u nach vermindert sich diese, bei geistreichen jungen Männern nur
allzugewöhnliche Untugend, u seine wahren Talente treten nun um so mehr
an's Licht. Daß ein solcher Mann ehrgeizig sey, versteht sich wohl so ziemlich von
selbst, besonders in einem republikanischen Staate, wo den persönlichen
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Verdienste Alles erreichbar ist. Er hat sich, wie ich glaube, sein Ziel ziemlich
hoch gesteckt, u. wenn nicht besondere Unfälle dazwischen treten, so wird er
es erreichen. Seine Frau, die stets freundliche, stets vergnügte Sophie, scheint
ganz zu fühlen, wie viel sie an ihm besitzt, u welche hoffnungsreiche Zukunft vor ihnen
liegt. Ich habe noch nie ein Frauenzimmer gesehen, das so ununterbrochen den Ausdruck
der vollkommensten Zufriedenheit in ihren Zügen u in ihrem ganzen Wesen trägt,
Am 3 ten dieses Monats, dem Jahrestage der Abreise der Engelmannschen Familie
aus Arnsbach, haben wir die Hochzeit Ludwig's mit der braven Marianne Scheel
gefeiert. Es war eine sehr zahlreiche u sehr vergnügte Gesellschaft beisammen, u noch an
dem nämlichen Tage ging das junge Paar nach Mecaniksburg ab, wo sie eine
Gastwirthschaft führen wollen. Die Aussichten sind gut, u es wird nur darauf
ankommen, daß das Geschäft auf die gehörige Weise u mit der gehörigen
Ausdauer betrieben werde. Der Anfang wird schwer seyn, wie überall.
In unserm eigenen häuslichen Kreise ist seit meinem Letzten nichts
Besonderes vorgefallen. Wir sind Alle frisch u gesund, u arbeiten jetzt
fleißig im Garten, während mein Pächter — der sich bis jetzt als ein sehr
sonetter Mann bewährt hat, die schönen Felder rings umher aufs Beste
bestellt. Die Vegetation hat sich in diesem Jahre um 2-3 Wochen früher
eingestellt, als gewöhnlich, so daß wir am 1 ten April bereits ein Gerichtchen
Spargeln auf dem Tische hatten. Allein seit einigen Tagen weht der Wind
aus Nordwest, bei hellem Himmel, u seit dem hat das Wasser im
Brunnentrog jeden Morgen eine Eiskruste! Der Henker hole
doch alle Extreme!
Leben Sie recht wohl, beste Mutter. Tausend Grüße an Alle, Alle.
Ihr tr. Sohn Th. Hilgard Sr.
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