Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, December 24, 1837.
Original text
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Copie.
Gut Oakley bei Belleville d 24 Xter 1837.
Theuerste Mutter!
Meine Briefe vom 10t Sept. und 22/29 t Octob: werden Sie hoffentlich erhalten haben. Ich habe diesmal etwas länger als gewöhnlich mit Schreiben
gezögert, weil ich hoffte, zugleich die Ankunft der Familie Michel melden zu können. Allein bis heute ist sie noch nicht angelangt, u da seit 8 Tagen
der Mississippi stark mit Treibeis geht, so daß uns sogar die Communication mit St. Louis abgeschnitten ist, so steht zu erwarten, daß die Familie M.,
wenn sie auch in New-Orleans angekommen seyn sollte, ihre Reise nicht wird fortsetzen können bis der Eisgang im Strome aufgehört hat, oder
ungefährlich geworden ist. Die Familie Eix ist seit etwa 14 Tagen hier u hat einstweilen eine Wohnung in Belleville gemiethet wo, der alte
Herr Eix den Winter über die Menschen u Dinge beobachten will, um dann über den einzuschlagenden Weg einen Entschluß zu fassen. Er
Scheint mir ein Schlaukopf zu seyn, der die Welt kennt — vielleicht nicht von ihrer besten Seite. Von ihm erfuhr ich, daß bei seiner Abreise
von Havre, Michel noch nicht doch eingetroffen war. Er selbst hatte eine ungemein glückliche und kurze Ueberfahrt — 37 Tage - auf
demselben Schiffe u. mit demselben Kapitän, die uns - in 60 Tagen- nach Amerika brachten. Die Familie Eix hat uns bereits ihren Besuch gemacht, und
wir sind der Meinung, daß die eigentlich gute Gesellschaft unseres Kreises keinen Zuwachs durch sie erhalten habe. — Gestern, liebste Mutter, war ein
großer Brief- u Freudentag. Denn die Post brachte zu gleicher Zeit Briefe aus Zweibrücken, aus Heidelberg, aus Bergzabern von Freund Philipp, und
Otto's Brief an Edward mit den Einlagen. Wir sehr danken wir Ihnen, theuerste Mutter, für Ihre lieben, warmen, mütterlichen Zeilen, u wie
hocherfreulich war uns das Blättchen von dem theuern Onkel in Arnsberg! — Hätte ich doch nur eine einzige Stunde bei der Zusammenkunft in
Wachenheim seyn können, um die theure Mutter u meinen nicht weniger theuern zweiten Vater ans Herz zu drücken, – um mündlich wiederholen
zu können, wie glücklich wir uns hier fühlen, wie alle Verhältnisse um uns her sich immer erfreulicher gestalten, – und um nebenher auch
meine Person zu zeigen, die nicht unbedeutend an Corpulenz u gesunden Aussehen gewonnen hat. Der gute Onkel sagt am Schlusse seines
Briefchens "ich solle in einigen Jahren eine Spazierfahrt nach Europa machen", Scherz bei Seite! Die Lust zu einem solchen Ausfluge, von dem
wir oft halb im Scherz, halb im Ernste reden, fängt an, sich immer tiefer in mein Herz einzunisten, u es schwebt mir sogar schon, wiewohl auch
etwas undeutlich, die Möglichkeit einer guten Veranlassung zu einer solchen Reise vor. Doch, ich will das für jetzt nicht weiter ausspinnen,
bis der rechte Zeitpunkt ein wenig näher gerückt ist. Ich bin überhaupt jetzt ziemlich reiselustig, u habe vor kurzen einige Punkte am
Kaskaskia—Flusse u dann die wunderbar aufblühende Stadt Alton am Mississippi zu Pferde besucht. Auch diesmal war, wie bei meiner Reise
nach Shantytown, ein Landkauf die Veranlassung. Er kam wirklich zu Stande, und ich besitze jetzt, außer meinem Gute bei Belleville u den
480 Acres die ich in Shantytown kaufte, auch noch 150 Acres des schönsten Landes, unmittellbar an der Gränzlinie der jungen Stadt Tamarawa
am Kaskaskia, südöstlich von hier. Die Lage dieses neuen Eigenthums ist ungemein hübsch. Ein Theil desselben bildet eine Anhöhe, auf welcher
man die schönste Aussicht hat, die mir hier zu Lande bis jetzt vorgekommen ist: auf der einen Seite eine große u üppige Prärie, die in der
Ferne von Wald begränzt ist, mit zerstreuten Farmen, einer Hügelreihe gegen den Kaskaskia hin, und dem Städtchen Tamarawa; auf[gap]
anderen Seite eine kleinere, terrassenförmige hinabsteigende Landschaft mit mehr Wald u mit der Aussicht auf den Kaskaskia Fluß,
hier u da zwischen der Waldung hervorblickt. Auf dieser schönen Anhöhe gedenke ich seiner Zeit ein Gebäude zu errichten — eine fa[gap]
Lusthaus oder sonst etwas. Ich habe zwar für dieses Land 5 Doll. den acres bezahlt, aber doch hält Jedermann meinen Kauf für sehr[gap]
In der That ist anzunehmen, daß es in 1 -2 Jahren doppelt so viel werth seyn wird, wenn die Stadt T., die mein Land von zwei Seiten ein[gap]
nur einigermaasen so fortgedeiht, wie sie angefangen hat. — Den 25ten Xber. So weit hatte ich gestern Abend geschrieben, als ich abgerufen[gap]
weil das Christkind bescheren wolle; u jetzt, am Morgen des lieben Weihnachttages, sitze ich da in einem prächtigen Schaukelsessel, das [gap]
einem stattlichen schwarzen Sammtkäppchen u die Füße mit ein Paar schönen gestickten Pantoffeln geschmückt, lauter Dinge, die das frei[gap]
Christkind mir brachte. Es zeigte sich überhaupt diesmal sehr splendid, u wenn auch das Christbäumchen fehlte, (weil wir in hiesiger Gege[gap]
Nadelholzer haben) so machte doch die lange, mit Geschenken bedeckte u mit zwölf feinen und hohen Wallradlichtern erleuchtete Tafel ke[gap]
schlechten Effekt. Die Mutter fand an ihrem Platze ein Kanape, einen schönen braunseidenen Winterhut, eine prächtige Mundtasse, die uns[gap]
drei Knaben von ihrem Tashengelde — dem Produkt ihres kleinen Antheils an der Milchwirthschaft — für sie gekauft hatten, u mehrere andere hat[gap]
Säckelchen. Doch, ich kann unmöglich Alles aufzählen, was das freundliche amerikanische Christbind bescheyrte, obschon die Kinder mir alle zuriefen, ich müsse der Groß[gap]
genau schreiben, was jedes von ihnen bekommen habe. Der kleine Eugen sagte, indem er mich um den Hals faßte: "Ach Vater, das Christkindchen hat Alles gewußt,
was ich mir gewünscht habe, u was ich vergessen habe, zu wünschen, das hat es auch gebracht." Edward mit s. Frau, Th. Krafft, Th. Engelmann, Fr. Wolf und S.
Tyndale, unser amerik: Hausfreund, waren auch dabei, – u den Beschluß machte, wie gewöhnlich, ein Tänzchen, welches bis 11 Uhr des Abends dauerte.
Der Vorabend des Weihnachtfestes ist zugleich, wie Sie wissen, der Jahrestag unserer Ankunft in New-Orleans, und hat dadurch für uns eine doppelt erfreuliche
Bedeutung. Wie oft wurde gestern Abend, bald unter den Kleinen, bald unter den Großen, der Wunsch laut: „Wäre doch nur die Großmutter jetzt auf
ein Stündchen bei uns!" Wenn ich nicht durch die angenehmen Eindrücke des Gestrigen und heutigen Tages besonders gutmüthig gestimmt wäre, so
würde ich mich ernstlich beklagen, daß man mir das erfreuliche Familien-Ereigniß in Saarlouis, noch nicht ordentlich u ein wenig umständlich notifizirt
hat. Bis jetzt haben wir blos zufällig u von dritter Hand erfahren, daß Schwester Marie mit einem Knaben niedergekommen sey, aber ohne Tag u
Datum, u ohne alle nähere Angabe der Dinge, die man doch in solchen Fällen zuwissen wünscht. Ich wartete immer auf einen Brief, oder doch wenigstens auf ein
Brieflein, von den Leutchen in S. selbst, aber bis heute vergeblich. Doch, wie gesagt, ich kann heute nicht schellen, u so bitte ich Sie denn, liebste Mutter, den lieben
Geschwistern in d. gelegentlich zu sagen, daß wir ihnen von ganzer Seele Glück wünschen. Denn hoffentlich ist die Wöchnerine wieder wohl auf u der kleine Lentze,
ein munterer u kräftiger Bursche. Seit ich weiß, daß die lieben Geschwister nicht ohne Nachkommenschaft bleiben werden, regt sich im Hintergrunde meines
Herzens der Gedanke u Wunsch, daß sie auch dereinst Amerika zu ihrer Heimath wählen möchten, um ihre Söhne zu freien Männern und ihre Töchter zu
Gattinen Freier Männer zumachen; u diese Idee ist wir so liebgeworden, daß ich bereits im Stillen ein allerliebstes Plänchen für sie ausgeheckt
habe. Doch, das Alles sind wohl nur Traumbilder, wenigstens noch für lange Zeit. — Mein Gesundheits- u Witterungs-Bulletin ist auch diesmal
wieder vollkommen günstig. Wir sind Alle durchaus gesund, u haben uns bis heute — mit Ausnahme einiger etwas kalten Tage, die aber auch nicht
unangenehm waren — eines überaus milden u schönen Wetters erfreut. Heute namentlich ist es so warm, daß ich das Feuer meines Zimmerofens
habe ausgehen lassen, u daß die Kinder in Hemdärmeln draußen herumspringen. So sollten von Rechtswegen alle Winter hier zu Lande seyn, u so wären sie
wahrscheinlich auch, wenn unser Land ein wenig gegen die kalten Winde geschützt wäre, die vom Felsengebirge u von den nördlichen Seen herüber blasen. Wir wollen
hoffen, daß wir nicht in der zweiten Hälfte des Winters dafür büßen müssen. In unserm häuslichen Leben hat sich seit meinem letzten Briefe wenig
verändert, außer daß Freund Adam seit Anfang dieses Monats aus meinem Dienst getreten u durch einen andern Deutschen, mit dem ich bis jetzt wohl
zufrieden bin, ersetzt worden ist. Adam war in der letzten Zeit wunderbar ausgeartet; hatte sich — ob in Folge eines agrarschen Gleichheitsschwindels,
oder alles, schon aus Deutschland mitgebrachte Gewohnheiten, will ich nicht entscheiden, – so weit vergessen, daß wir ihn sogar auf mehrern kleinen
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Diebstählen ertappten. — Auch unsere Fronheimer Magd, obschon sie noch nicht vier volle Monate bei uns ist, fängt bereits an, Zeichen des
Uebermuthes blicken zu lassen; besonders seit ihr mehrere Heirathsanträge gemacht worden sind. Dies ist u bleibt für uns verwöhnte Leute
die fremde Bedienung haben müssen, die schlimmste Schattenseite dieses Landes. (Indem ich dies schreibe, höre ich, daß unsere Magd wirklich
Braut ist, u schon auf den Neujahrstag Hochzeit machen will. So geht hier Alles im Galopp. Meiner Frau ist es eher lieb, als leid, daß sie geht)
Im Uebrigen benutzen wir die Ruhe des Spätherbstes u Winters, um unsere Wohnung von Außen und Innen immer mehr zu verschönern.
So habe ich vor dem untern Hause, welches ich mit meinen Knaben bewohne, u wo früher eine etwas allzu einfache Treppe von Außen
in das obere Zimmer führte, eine recht elegante, auf 4 dorischen Säulen (die aber nicht von Parischem Marmor sind) ruhende Vorhalle bauen
lassen, die dem Ganzen jetzt ein sehr nettes, tempelartiges Aussehen giebt. Ich muß doch, sobald ich Zeit dazu finde, meine alte
Zeichenkunst wieder hervorsuchen u Ihnen einmal eine vollständige Zeichnung unserer Gebäude u der umliegenden Gegend entwerfen.
In den öffentlichen Angelegenheiten unseres neuen Vaterlandes geht jetzt viel wichtiges vor. Doch will ich nicht näher darauf eingehen,
weil ich voraussetze, daß Ihnen das Wesentliche durch die deutschen Zeitungen, namentlich durch die Allg: Zeitung, die immer die amerikanischen
Nachrichten ziemlich vollständig enthielt, bekannt geworden ist. — Die politischen Partheien in America, – d. h. die verschiedenen Schattirungen
des Republikanismus — (denn Republikaner ist hier Jedermann) — liegen in eifrigem Kampfes mit einander, u jeden Augenblick bilden sich
hier u überall Volksversammlungen oder Klubs, um diese oder jene politische Maasregel zu betreiben oder zu hindern. Jedoch betrifft dies
alles nicht im Mindesten die herrlichen Grundprinzipien, auf welchen unser Staatenbund beruht, sondern blos spezielle, obwohl sehr wichtige
Fragen der Staatswirthschaft, namentlich die Unabhängigkeit des Staates von den Banken.— Fragen, die hauptsächlich durch die große Handelskrisis
veranlast worden sind. Aber dieses lebhafte Interesse, das hier Jeder den öffentlichen Angelegenheiten zuwendet, u dieses freie
und lebendige Verhandeln darüber erfreut mich ungemein. Ein Hauptredner bei solchen Veranlassungen ist Vetter Koerner, den wirklich
die Natur mit Allem begabt hat, was dazu gehört, um in einem republikanischen Staate eine wichtige Rolle zu spielen: nämlich Klugheit,
ein ausgezeichnetes Rednertalent u eine feste politische Consequenz. Charakteristisch sind auch die sogenannten Debating Societiés, welche in
Belleville u an andern Orten bestehen; d. h. Vereine junger u alter Männer, welche zum Behuf ihrer Ausbildung für das öffentliche
Leben, wöchentlich einmal zusammenkommen um über gewisse Fragen, welche in der vorhergehenden Sitzung festgestellt werden, zudebettigen
und Contra Reden zu halten, und zwar unter Beobachtung streng parlamentarischer Formen. Ich habe mehrern derselben beigewohnt u machte
[gap]hier wieder die Bemerkung, daß die Gabe der Rede bei den Amerikanern, selbst bei Leuten von wenig Erziehung, weit gewöhnlicher oder
[gap]mehr ausgebildet ist, als bei den Deutschen. Wer hier zu Lande sich hervorthun will, muß schon ein ausgezeichnetes Talent besitzen
[gap]gen waren, das einemal: „Ist die Abschaffung der Todesstrafe zweckmäßig und wünschenswerth?" u das anderemal: "In wiefern
[gap]die Vereinigten Staaten das Recht, die Indianer weit nach Westen zurückgedrängen?" Das Drittemal: "Waren die Folgen
[gap]runz züge im Allgemeinen für das Menschengeschlecht wohlthätig oder nicht?" Sie sehen, daß die Leutchen sich nicht mit Kleinigkeiten
[gap]ssen. Nächster Tage soll in Belleville eine Versammlung gehalten werden, um über die Art, wie Canada in seiner
[gap]section zu unterstützen sey, zu berathschlagen. Wahrscheinlich wird ein haufe junger Männer aus hiesiger Gegend ihnen
[gap]fe ziehen. Bei unsern hiesigen Verwandten steht noch Alles wohl. Gestern besuchte uns Vetter Ledergerber u brachte die
[gap]Nachrichten von den Seinigen, u gegen Abend kamen Molli u Rosa von einem Spazierritte zurück, den sie in Begleitung von
[gap]Engelmann zu Th. Hilgard gemacht hatten, u berichteten, daß sie dort die Familie Engelmann angetroffen, u daß Alles
[gap]kommen wohl auf sey. Ich muß hier bemerken, daß im Laufe dieses Sommers, alle meine Frauenzimmer tüchtig reitengelernt
[gap]ben, so daß sie nicht selten stundenlange Spazierritte machen, bisweilen sogar allein, was hier zu Lande weder gefährlich
noch gegen die Sitte ist. Selbst meine Frau reitet jetzt, wiewohl noch etwas schüchtern. Meine Mädchen aber, Klara mit einbegriffen,
traben u galoppiren so muthig! sicher, daß es eine Lust ist. — In der Engelmannschen Familie giebt es zwei Neuigkeiten, die Sie aber
vielleicht schon wissen. Die eine ist, daß Johann Scheel bereits avancirt ist, u mit dem Titel Ingenieuer jetzt einen Gehalt von 1200 Doll.
oder gar noch mehr verbindet; die andere, daß Ludwig E. u Marianne Scheel sich bald verheirathen u in Mechaniksburg ein Wirthshaus
halten wollen. Daß die Idee an sich gut sey u daß Marianne auch dafür passe, bezweifelt Niemand, ob aber auch Ludwig zu einem solchen
Geschäfte geeignet sey, muß erst die Folge lehren.
Somit Adieu für diesmal, beste Mutter! Grüßen Sie Alle, Alle recht herzlich von uns Allen. Ihr tr. Sohn Th. Hilgard Sr.
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