Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, November 30, 1836.
Original text
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Belleville den 30. November 1836.
Liebste Mutter!
Ich habe absichtlich, um meinen Novemberbrief an Sie anzufangen, bis zum letzten Tage, des
Monats gewartet, in der Hoffnung, die glückliche Ankunft unseres jungen Freundes Theodor Engelmann
von Steinwenden, den wir von Tag zu Tag erwarten, und der uns gewiß auch einen Brief
von Ihrer lieben Hand mitbringen wird, zugleich melden zu können. Bis heute war jedoch unsere
Ungeduld vergeblich. Indessen ist noch kein Grund vorhanden, zu befürchten, daß ihm auf der Reise
etwas Widriges zugestossen seyn möge. Denn wenn wir annehmen, daß er zu Ende August
abreiste, so sind erst drei Monate verstrüchen, und in kürzerer Zeit hat noch selten jemand die
Reise aus Deutschland bisher gemacht. Wir selbst waren ja über 3 1/2 Monat unterwegs. Ich
denke, wenn ich ein wenig langsam an diesem Brief schreibe, und mit einigemal unterbreche, so wird
unser Reisender noch ankmomen, ehe der Brief abgeht. Inzwischen sind die letzten Briefe des Bruders
an seinen Sohn Fritz und an die engelmannische Familie (vom 20. September) vor einigen
Tagen angelangt und haben uns mit dem damaligen Stand der Dinge im Kreise unserer
europäischen Lieben bekannt gemacht. Den Brief an Onkel E. der die eigentlichen Familiennachrichten enthalten
soll, habe ich zwar noch nicht gelesen; aber Fritz, – der sich jetzt auf eine Zeitlang in Belleville
aufhält, um in seinem Hause allerlei Verbesserungen vorzunehmen, hat uns einstweilen
mündlich das wesentliche Davon mitgetheilt. Den nächsten Sonntag gedenken wir die Jastacker zu
besuchen, und dann hoffe ich, das Näheres zu erfahren. Zu der glücklichen Ankunft des Töchterleins
wünschen wir von ganzen Herzen Glück. Der Bruder ist jetzt so reich an Kindern als ich,
und Sie haben um, theuerste Mutter, blos von Ihren beiden Söhnen 18 lebende Enkel, nebst einigen
Urenkeln. Ich möchte wissen, welche Zahl in 50 Jahren Ihre das Einchuz darbieten wird! Haben
denn unsere Leutschen in Saar Louis noch keine Hofhnungen in diesen Punkte? Es wäre Schade,
wenn sie ihren reinen und soliden ehelichen Glücke mangeln sollten.
Der Gesundheitszustand in meinem Hause ist fortwährend ganz erwünscht, und überhaupt der häusliche
Himmel wolkenlos. Meine Frau war zwar einige Tage lang unpäßlich und hütete das Bett, allein
es war nichts klimatisches dabei, und sie ist schon wieder ganz wohl und munter. Wir brauchen
die Vorsicht, bei jedem Unwohlseyn, wenn es auch nicht bedeuten scheint, den Patienten sogleich
ins Bett zu drücken, und durch Wärme und beförderte Ausdünstung den allenfallsigen Keime einesernstern
Übels zu beseitigen, und ich glaube, daß dies, nebst einer einfachen und mäßigen Lebensweise,
so ziemlich, das beste Mittel ist, den mancherlei Fiebern und Fieberchen, von denen
allerdings viele geplagt werden, auszuweichen. Ich will Ihnen erzählen, liebste Mutter, was in
dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, jedes Mitglied meiner Familie treibt, sie werden sich
dadurch, wenigstens für einen Moment unser häusliches Leben deutlicher vorgegenwärtigen können.
Es ist zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags. Die Mutter hatte sich vor einer Stunde — von mir
einen Zuber – voll extra fetten Gartengrundes ausgebeten, um in einem hölzernen Kästchena
Tulpen und Hyazinthenzwiebeln einzulegen, und um einen kleinen Myrthestock, der sorgfältig
in einem Blumentopf gepflegt wird, damit einst in Emma's Brautkranz die Myrthe
nicht fehle, bessere Nahrung zu geben. Dieses Geschäft, bei welchem sie nun drei neugierigen
Kälbern — arristirt wart, die sich den grünen Myrthchen immerfort auf eine so bedenkliche
Weise zu nähern suchten, daß sie ihnen mehrmals auf die Nase schlagen mußte, ist jetzt
beendigt. – Das Mutterchen hat so eben mit ihrem lieben Mann ein Tässchen Kaffen ausgeschlürft
– und wiegt sich jetzt ganz behaglich vor dem Kamine auf ihrem Schaukelstuhl,ein französisches
Zeitungsblatt in der Haut. Es sei nämlich aller Welt kund und zu wissen, hier zu Lande,
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daß jede Dame einen Schaukelstuhl besitzt, dass heißt einen Sessel, der unten an seinen
zwei Beinen Läufer hat, die denen einer Wiege gleichen, und auf denen man sich wirklich sehr
angenehm hin und her wiegt, besonders wenn der Stuhl, wie der meiner Frau, mit einem
guten weichen Sitzkissen versehen ist. Man kann sonach in Wahrheit sagen, daß das Schaukelsystem
recht eigentlich hier zu Hause ist, und vielleicht paßt es auch am besten für die
Frauenwelt. In allein. Erst aber muß ich mich wundern — daß das hochcivilisirte Europa, wo
doch so mancher behagliche Gentleman sich auf dem Stuhle fährt, und ihn verdirbt, noch nicht auf
den einfachen Gedanken gekommen ist, gleichfalls Läufer an die Stühle zu machen. Auf jeden
Fall sehen Sie hieraaus, wie weit man sich der Civilisation der Comforts hier schonn vorgerückt
ist. Meine liebe Frau also durchgeht, indem sie sich sehr graziös hin und her bewegt
den "Courier des Etats-unis, ein Blatt, das wöchentlich zweimal in New-York erscheint
halb politischen, halb kulturistischen Inhalts (wir alle amerikanischen Zeitungen) und eben so zweckmäßig
als geistreicht redigirt. Findet Sie etwa besonders interessantes, so unterbricht sie mich
und liest mir die Stelle vor. Ich höre aber nur mit halbem Ohr, weil ich heute noch ein gutes
Stück von meinem Briefe fertig bringen möchte. Emma sitzt nicht weit von ihr am Fenster
und macht ein Kleid; neben ihr Clara, die einen Strumpf von blauer Baumwolle strickt und zu
gleich der kleinen Therese, mit den kleinen "Plaudereyen" in der Hand neben ihr steht, Unterricht
im Lesen gibt. Molly, der seit einiger Zeit das Küchenregiment übertragen ist, das sie
mit dem besten Erfolge führt, hat so eben, gemeinschaftlich mit Rosa, die Nachmittagsgeschäfte in der
Küche beendigt–, und beide haben nun gleichfalls ihre Nahrung ergriffen. Rosa handthirt schon
mit Nadel und Schere, — Molly aber hat auf dem Weg zu ihrem Stuhle das neueste Blatt
der „Saturday eveninig post" (Samstag- Abends-Post) einer sehr vorzüglichen New-Yorker Zeitungen
erwischt und läßt das Nähzeug noch eine Weile auf ihrem Schopfe ruhen, um gleich ihrer lieben Großmutter
in St Johann, das mächtig große Zeitungsblatt vorläufig mit raschen Blicken zu
durchfliegen, vorbehaltlich es zu seiner Zeit mit zu lesen und zu genießen. Im Kamine
brennt ein lustiges und gewaltiges Feuer, zu welchen, der kleine Eugen von Zeit zu Zeit
Holzstücke aus dem Hofe herbeischleppt. Ist ihm dies gelungen, so ermangelt er nie zu sagen:
"Ich bin aber ein Kerl Mutter, gell, ich bin stark."? Wirklich scheint er sich zu einem ungeimen kräftigen
Burschen zu arten. Die drei übrigen Buben Julius, Wilhelm und Theodor, sind heute nicht zu Hause.
Ich habe sie, da heute herrliches Wetter ist, an diesen Morgen in aller Frühe zu dem Dicken Theodor geschickt,
um ihm einen jungen Hund zu überbringen, den er sich von der Rasse unserer schönen Hün¬
din ausgebeten hat. Der Arnsbacher Adolph begleitet sie. Dieser ist seit 8 Tagen unser Hausgenosse,
weil Körner, bei dem Adolph sich gewöhnlich auf hält, um der Belleviller Schule besuchen zu
können, jetzt mit seiner dicken mit behaglichen Sophie auf einige Zeit zu den Eltern gegangen
ist, um sich endlich durch Ruhe und gehörige Pflege von seinen immer wieder einkehrenden Fieberanfällen
zu kuriren. Nichts gleicht der Freude, womit die Knaben solche kleinen Ausflüge
unternehmen, wie denn überhaupt das Leben des Kindermätdchens hier in der Thate bei weitem fröhlicher
ist, als in der alten Heimath. Die Abwesenheit der Knaben ist denn die Ursache, warum ich
selbst, der ich sonst mein Wesen in dem untern Haus treibe, mit Papier und Tintenfaß in
das andere Haus gewandert bin und mitten unter den Frauenzimmern Poet gefaßt habe. Um
Freund Adam nicht zu vergessen, so muß ich ihm das in hiesigen Lande besonders ehrenvolle Zeugniß
geben. daß er bis jetzt unverändert der Alte geblieben ist, selbst hinsichtlich der Bescheidenheit
in seinem Verhältniß zu der Dienstherrschaft. Er ist wirklich ein Mensch von solidem Carakter,
und da er glücklicherweise, wenig Neigung hat, die Gesellschaft Anderer zu suchen, die es durch ihr Geschwatz
von dem guten Wege abbringen könnten, so hoffe ich, daß er nur — wenigstens länger als
jeder Andre — treu, hold und gewärtig bleiben wird. Auch der dicke Theodor war lange Zeit mit
seinem Knechte besonders glücklich. Er gab ihm, wie ich, monatlich 7 Doll., und der Mensch war, wenn
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auch nicht bescheiden, doch erträglich und fleißig. Aber plötzlich forderte er statt 7 D. 12, (was jährlich
144 D. oder 360 fr machen würde.!) und Theoder machte zugleich die angenehme Entdeckung, daß der Knecht
sich seiner abgelegten Wäsche bediente – Er schickte ihn daher weg und wird nur auch eine Zeit lang
seine liebe Noth haben, bis er wieder einen ordentlichen Burschen findet. Ich wiederhole, daß dieser Punkt
für uns Manschettenlandwirthe, die nicht ohne fremde Hülfe seyn können, eine der schlimmsten Schattenseiten
dieses Landes ist, ob schon es — wenn man die Sache unbefangen und aus einem allgemeinen Gesichtspunkte
betrachtet, ganz erfreulich ist, daß hier auch die Klasse, welche für Andere arbeitet sich nicht so wegwirft und
für ein falsches Lumpengeld dient wie in Europa. Eine Magd haben wir noch immer nicht. Neulich, bot
sich uns ein braves Mädchen, die eben aus Deutschland angekommen war, als solche an. Allein meine
Frau lehnte es ab, theils um die große Ausgabe zu vermeiden, theils um den mancherlei sonstigen
Unannehmlichkeiten auszuweichen, die hier das Gesindehalten immer nach sich zieht — und um derenwillen
man gern manche Arbeiten selbst übernimmt, die man sonst gewohnt war durch Andere verrichten
zu lassen; — nicht zu gedenken, daß die Arbeiten in der Regel besser, und weit schneller geschehen, wenn
man sie selbst thut. Der Hauptknoten ist die Wasche. Dieses Geschäft ist, bei meiner zahlreichen Familie
zu mühßam und auf zu gefährlich für die Gesundheit, als daß die Frauenzimmer, es selbst besorgen
könnten. Wir geben daher die Wasche aus dem Hause. Eine Familie von freien Schwarzen,
die in der Nähe wohnt, besorgt sie zu unserer Zufriedenheit und auch zu einem vernünftigen
Preise, nemlich zu 45 cents (37 Kreuzer) das Dutzen größere Stücke und zu 18 cents (27 kr.) das
dutzend kleinere. Andere Geschäfte, die den Frauenzimmer neu sind, verrichten sie gern und mit dem
besten Erfolg. So z.B. verfertigte meine Frau vor Kurzem einige hundert Zuschnittlichter, wozu wir das
Fett von unserm Freundt ein Metzger H.Z. Kaising in Belleville, zu 9 per Pfund erhielten. Die
Lichter gelangen so gut, daß wir uns nicht erinnern, jemals schönere und bessere gehabt zu haben.
Es liegt ein eigner Genuß darin, dergleichen Dinge selbst mit Erfolg zu fabriziren, und ich kann
in Wahrheit sagen, daß mir früher ein Sieg vor Gericht selten so viel Freude machte, als wenn
uns jetzt z.B. ein Gebäck recht vorzüglich geräth. Ach und wir köstlich schmecken die herrlichen
Dampfnudeln, die gewöhnlich bei dieser Gelegenheit in den Backofen kommen.
Das Wetter war, seit meinem letzten Briefe, im Durchschnitt schön und hellll, jedoch während der
Nacht – besonders gegen Morgen, – schon etwas zu kalt für die Jahreszeit. Der Thermometerstand
in der Regel des Morgens, unmittelbar vor Sonnenaufgang, einige Grad unter dem Eispunkt, — einmal
sogar auf 10 Grad Reaumur. Allein von Sonnenaufgang an stieg die Temperatur allmählig, und
einige Stunden später war oft das angenehmste Frühlingswetter.
Soweit, liebstee Mutter, war ich mit meinem Briefe gekommen, als ich unterbrochen wurde und
erst heute, den 5ten Dezember setze ich ihn fort. In der Zwischenzeit haben wir einen Besuch bei
der Familie Engelmann gemacht. Der Onkel, – dieses Muster eines guten und liebenswürdigen alten Mannes
— las in einem Kreise von 15 nahen Verwandten, die ihn umgaben, mit bewegter Stimme den
interessanten und lieben Brief des Bruders vor, der Gretchens Niederkunft meldet, und sonst noch
mancherlei — im ganzen, so erfreuliche — Familiennachrichten gibt. Der gute Inhalt des Briefes und
der freundliche und heitere Ton, der darin herrschte machte auf uns alle den angenehmsten Eindruck und
da ich erwähnte, daß ich eben im Begriff sei, einen Brief an meine liebe Mutter zu beendigen,
so erhielt ich von der ganzen Gesellschaft den Auftrag, einstweilen die herzlichsten Grüße und Glückwünsche
auszurichten. Frau Caroline Decker bat mich noch besonders, dem Bruder zu sagen, daß sie
die Gevatterschaft mit vielem Vergnügen aceptire, und daß sie nächstens selbst schreiben werde. Alle
unsere Verwandten in hiesiger Gegend sind vollkommen wohl — (mit Ausnahme Körner's, der sich zu
wenig in Acht nimmt, und daher öfters vom Wechselfieber befallen wird) – und auch in Durchschnitt
recht vergnügt. Das Weitere und Ausführlichere hinüber soll folgen, wenn ich mit meinen angefangenen
Schilderungen weiter verrücke.
Doch ich will so gleich, so weit der Raum des Blattes es nochgestattet, in meinen alten Texte fortfahren,
und zuerst von unserem lieben Freund und Reisegefährten Fritz Hilgard einige Worte sagen. Er
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war, wie wir Alle, – weniger heiter und zufrieden in der ersten Zeit nach unserer Ankunft als er
es jetzt zu seyn scheint, wo er sich durch den Ankauf eines Hause in Belleville und einer kleinen Farm
ganz nahe bei Ledergerber, einen bestimmtern Wirkungskreis für seiten Thätigkeit geschaffen hat, obschon er
eigentlich noch nicht weiß, was er mit Haus und Farm dereinst anfangen wird. Auf jeden Fall sind, wie ich
glaube, diese Ankäufe als eine gute Speculation anzusehen. Seine Idee, einen Weinhandel anzufangen,
scheint mir bedenklich, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil der Amerikaner, besonders der gemeine,
sich sehr wenig aus Wein macht. Das Getränk ist ihm zu schwach und nicht süß genug. Die Deutschen hiesiger
Gegend aber, obschon sie dem Weine keineswegs abtrünnig geworden sind, haben meist noch zu sehr mit finanziellen
Verlegenheiten zu kämpfen, um als bedeutende Consumenten gelten zu können. Fritzen's Auf-
enthalt bei seinem Bruder Theodor ist nicht ohne eine Schattenseite für beide Theile. Es hat sich nämlich zwischen
ihm und seiner Schwägerin Emma ein Ton eingeschlichen, den ich nicht gerade loben kann.
Sie necken einander zu viel, und diese Meckereyen arten nicht selten in einen Disput aus, der oft mit
ganz unfreundlichen Worten untermischt ist, und der dem gelassenen und verständigen Theodor gewiß
oft recht unangenehm wird. Wenn doch Alle, die einander lieben sollen und lieben wollen, sich zur
unverbrüchlichen Regel machten, sich nie zu necken. Sonst ist Fritz, wie sich von selbst versteht, ganz
der Alte: gut, freundlich und dienstfertig. Es ist mir leid, daß wir ihn nicht öfter bei uns sehen.
Ich schließe diesen Brief am 6ten Dezember, des Abends. Theoder Engelmann ist noch nicht angekommen.
Leben Sie recht wohl, theuerste Mutter, und gedenken Sie unser recht oft
liebend und ruhig. Tausend freundliche Grüße an alle unsere Lieben — nah und fern
Ihr treuer Sohn.
TH. Hilgard.
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