Collection: Crede Family Papers
Author: Heinrich Carl Crede
Recipient: Margarete Versen (Schröder Classen)
Description: Letter from Heinrich Crede to his mother-in-law, Margarete Classen, July 11, 1847. While written in the names of both Heinrich Crede and his wife, Clothilde, the letter is in Heinrich Carl Crede's handwriting.
Original text
[roman:] Cassel [/roman], am 11ten [roman:] Juli 1847. [/roman]
Geliebte theuerste Mutter!
Wenn wir im Augenblick des Empfang Ihres lieben Briefes vom [roman:] 18 t. April [/roman] d. J., von den freudigsten Gefühlen bewegt wurden, nach so langen Jahren einmal wieder etwas von Ihren liebe Mutter zu hören, so wurde diese große Freude leider alsbald durch die traurigste Botschaft von dem Hinscheiden unseres guten Bruders [roman:] Hermann [/roman], in den tiefsten Schmerz verwandelt, indem uns dieser harte Schlag der Sie betroffen noch unbekannt war u. Ihr desfallsiges Schreiben nicht in unsere Hände gekommen ist. Wohl kein härteres Geschick könnte Sie treffen und werden Sie nur darin Trost finden, daß ein Allgütiges Wesen die Schicksale der Menschen leitet, ohne dessen Willen nichts geschieht und der gute Mensch nur um besser zu werden duldet. Möge die Zeit, die wohltätigste Milderin aller Leiden auch Ihnen Ihren gereichten Schmerz erträglich machen und die Religion Ihre kräftige Stütze sein._ Wie oft hat uns der Gedanke erheitert, wenn wir die Hoffnung hegten [roman:] Hermann [/roman] würde einmal die Reise hierher unternehmen! Doch ist auch diese Hoffnung wie so manche andere zu Grabe gegangen und dennoch dürfen u. wollen wir nicht muthlos werden, denn so Gott will, gestatten es vielleicht noch einmal Zeit und Verhältnisse unser Vaterland mit Ihrem jetzigen zu vertauschen und hoffen wir noch nebst unsern Kindern Ihnen in Ihrem Alter einigen Ersatz für Ihre vielen Leiden zu werden und Ihnen den Abend Ihres Lebens zu verheitern; doch werden wir unsern Plan, dem noch so Manches entgegensteht, sobald noch nicht auszuführen im Stande sein-, denn einestheils sind unsere jetzigen Mittel noch [underline:] nicht [/underline] zureichend, uns eine [underline:] feste [/underline] Exitenz dort zu begründen_ während wir hier unser Auskommen haben, anderentheils aber müssen unsere Kinder erst etwas tüchtiges lernen, um dann dort zu ihrem Wohle wirken u. ihr Fortkommen finden zu können. Unsern [roman:] Hermann [/roman] betrübte die Nachricht von dem Tode seines Onkels u. Pathen aufs tiefste, er mußte seinem Herzen durch lautes Weinen Luft machen_ hätten Sie den Jungen gesehen, es würde Sie gleich uns innigst gerührt und auch gefreut haben, so vieles Gefühl bei einem zwölfjährigen Knaben zu finden. Als er später Ihren Brief laß und den Wunsch ausgedrückt fand, daß man ihn dorthin haben möchte, war sein Entschluß schnell gefaßt; Seid ihrs zufrieden sagte er, so reise ich noch in diesem Jahre mach Amerika ab!_ Unseren Brief vom 7ten. März d. J. werden Sie durch Vermittelung des Kurhessischen Konsuls Faber in Newyork, an den wir solchen mit Begleitungsschreiben gelangen ließen_ nunmehr erhalten haben, vielleicht erhielten Sie auch unser späteres Schreiben vom 10t. April d. J., welches der Oeconom Hr. Ransbach von hier zur Besorgung übernahm u. Ihnen solches möglichst selbst einzuhändigen versprach. Sollten indeß_ gegen Erwarten_ diese beiden Briefe ein ähnliches Schicksal mit unsern früheren theilen u. nicht zu Ihren Händen gelangt sein, so wollen wir Ihnen für einen solchen Fall deren hauptsächlichen Inhalt hier nochmals mittheilen. Es .
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Es betraf solcher unter andern die Hofkammerrath Schröder'sche Nachlaßsache — wovon Sie vielleicht nicht glaubten, daß sie jemals wieder ins Leben treten würde_. Unterm 3t. März d. J. erhielten wir ein Schreiben von [roman:] Madame Hoerle [/roman] zu [roman:] Paderborn [/roman], worin uns dieselbe mittheilt, daß ein Weg gefunden sei, die noch immer schwebende Kammerrath Schrödersche Sache zu beseitigen. Gleichzeitig legt dieselbe ihrem Briefe ein Schreiben des Justizkommissars [roman:] Barre [/roman] zu [roman:] Paderborn [/roman], an ihren Schwager, den Kaufmann [roman:] Spigkmann [/roman] gerichtet, mit bei, worin jener dem Letzteren eröffnet, daß die Hofkammerrath Schrödersche Nachlaßregulirung augenblicklich allein davon abhänge, daß Sie liebe Mutter sich als Eigenthümerin des auf unsern verstorbenen Vater [roman:] respec [/roman] Schwiegervater fallenden Erbantheils auswiesen und daß das die Nachlaßregulierung dirigirende Gericht in dieser Hinsicht die Ausstellung gemacht habe, daß Sie [underline:] nicht [/underline] legitimirt erscheinen, weil Kinder aus Ihrer ersten Ehe vorhanden seien, mit welcher Sie bei Eingehung Ihrer zweiten Ehe hätten Schichtung zulegen müssen, daß daher vorab diese Schichtungsverhandlung aufzulegen und durch dieselben bei Gericht darzuthun sei, daß Sie in alleinigen Besitze des fraglichen Erbantheils geblieben seien. Zu diesem Ende nun sollte Clothilde eine Urkunde, die uns ebenwohl alsbald mitgetheilt würde, bei hiesigem Gericht vollziehen, daß Sie die volle Dispositionsbefugniß u. das volle Eigenthumsrecht über das früher mit dem verstorbenen Vater gemeinschaftlich besessene Vermögen hätten_. Die Vollziehung dieser Urkunde wurde uns indeß von einem hiesigen tüchtigen Juristen widerrathen, und unterblieb daher. Die Erlangung jener Urkunde scheint lediglich ein Advokatenkniff zu sein, um für die Schröder'schen Erben in [roman:] Paderborn [/roman] die Sache zu beschleunigen — denn das Gericht hat die Auflage einer Schichtungsverhandlung von Ihnen, nicht aber jene Verzichtleistungs-Urkunde von Clothilden verlangt. Auf mehrere Briefe die wegen dieser Sache von [roman:] Paderborn [/roman] aus an Sie geschrieben, soll eine Antwort von Ihnen nicht erfolgt sein. Unser Schreiben an [roman:] Madame Hoerle [/roman], uns über den Stand der Sache nähere Auskunft zu ertheilen ist ohne Erwiederung geblieben u. wird eine solche auch wohl nicht erfolgen — auch Derenthal hat unsern desfallsigen Brief unbeantwortet gelassen und so haben wir bis dahin nichts Näheres in der Sache erfahren können._ Klothilde wollte nun auf mein Anrathen eine Reise nach [roman:] Paderborn [/roman] unternehmen, doch hat sie den Plan wieder aufgegeben, da sich ein Erfolg davon nicht erwarten läßt, solange Sie liebe Mutter nicht Jemanden, dem Sie Vertrauen schenken, [insertion:] gerichtliche [/insertion] Vollmacht von dort aus ertheilen, in der fraglichen Hofkammerrath Schöder'schen NachlaßSache bei dem betreffenden Gericht zu [roman:] Paderborn [/roman] in [underline:] jeder Hinsicht rechtsgültig [/underline] für Sie zu handeln. Vielleicht haben Sie nunmehr auch von [roman:] Paderborn [/roman] aus Nachrichten erhalten, die Ihnen über die fraglichen Verhältnisse mehr Licht geben, als wir Ihnen zu geben im Stande sind. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Sache endlich noch ein erfreuliches Resultat lieferte _ Die Triebfeder, daß solche wieder ins Leben getreten ist, mögen wohl die ErbschaftsVerhältnisse der Kaufmann Schröder'schen Kinder gegeben haben, nachdem deren Vater der gute
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Verwalter des fraglichen Nachlasses vor einigen Jahren das zeitliche gesegnet hat. — [roman:] Derenthal [/roman] haben wir heute von dem Empfang Ihres Schreibens / was am 30.t v. M. bei uns einging / benachrichtigt, obschon ihm eine Corespondenz mit uns nicht angenehm zu sein scheint, da unsere Briefe selten von ihm beantwortet werden. _ Der kleine Wilhelm Schröder, dessen Sie in Ihrem Briefe erwähnen, war am 21. April v. J. hier bei uns, er ist ein starker großer Mensch geworden, hat die BuchbinderProfession erlernt u. war im Begriff, sein Glück in der Fremde zu ersuchen_, wir haben uns gefreut, daß er soviel Anhänglichkeit zeigte, vor seiner Abreise uns zu besuchen, auch gedachte er Ihrer noch mit vieler Liebe. Daß [roman:] Calaminus [/roman] bereits von mehreren Jahren gestorben, werden Sie wohl erfahren haben. —
[roman:] Marienberg [/roman] ist bereits vor mehreren Jahren als Assessor in die Gegend von [roman:] Münster [/roman] versetzt worden. — Klothilde hat heute auch an ihre Großmutter in Oldenburg geschrieben u. diese von dem Inhalt Ihres Briefes in Kenntniß gesetzt. — Meine Mutter und Schwestern, welche Ihnen wegen der Sie betreffenden harten Geschichte, ihr tiefgefühltes Beileid versichern, lassen Sie herzlich grüßen —, wir können sie selten in [roman:] Kaufungen [/roman] besuchen, da unsere Verhältnisse unsere Abwesenheit von hier nicht häufig zulassen; Mutter leidet fast ständig an gichtischen Beschwerden u. die beiden Mädchen sind äußerst schwächlich —. Unsere drei Jungen _ die uns die herzlichsten Grüße an Euch aufgetragen haben_, benutzen die gegenwärtigen Schulferien um sich bei ihrem Großonkel dem Förster [roman:] Harnickell [/roman] zu Hombressen am Reichardswalde zu erholen; - die beiden kleinen Mädchen sind recht wohl. — Wie würden Sie sich freuen, wenn Sie unsere Kinder _ die ein vortheilhaftes Aeußere mit ziemlicher Artigkeit verbinden _ mal sehen könnten, oder nur einmal hörten wie sie sich von Ihnen u. Amerika [illegible] denen wir indeß Ihren Brief mittheilten, bedanken [illegible] uns herzliche Grüße an Sie aufgetragen. Seidler [illegible] großartige Unternehmungen bei dem jetzigen Bau [illegible]._ Die letztenJahre waren in finanzieller Hinsicht recht drückend für uns, indem die Lebensmittel zu einer enormen Höhe gestiegen sind, das Viertel Korn kostete 18 bis 20 Thaler_, die Kartoffeln das Viertel 7 Thaler _ wir haben Gott sei Dank keine Noth zu leiden brauchen, aber zum Nachtheile für unsere Kinder [underline:] viel [/underline] zusetzen müssen. Die hohen Preise waren rein erkünstelt, denn jetzt wo die Ernte noch bevorsteht, fangen die Früchte an zu sinken. _ Indem wir unsern Brief schließen, bitten wir Sie recht inständig, uns recht recht bald mit einer Antwort zu erfreuen, auch wollen Sie uns gütigst Nachricht geben, ob Sie unsere [underline:] beiden letzten [/underline] Briefe, nemlich die durch Consul Faber in [roman:] Newyork [/roman] u. Oekonomen [roman:] Ranspach [/roman] von hier erhalten haben, auch ob und was von Ihnen bezüglich der Schröder'schen Nachlassenschaft geschehen ist. _ Leben
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Indem wir Ihnen nebst unserem Vater [roman:] respe. [/roman] Schwiegervater recht wohl zu leben wünschen, wollen Sie gleich uns die schöne Hoffnung hegen, daß Sie uns mit unsern Kindern, sobald es nur unsere finanziellen Verhältnisse gestatten, uns eine Existenz in dem freien Amerika zu begründen, bei sich zu sehen, und wünschen wir sehnlichst, daß die Ausführung dieses Planes möglich werden und nicht umehr zu fern sein möge.
Mit den Gefühlen wahrer inniger Liebe verbleiben wir stets
Ihr aufrichtiger Schwiegersohn
H. C. F. Crede
Deine Dich liebende Tochter
Clothilde Crede.
P.S.
Ihren nächsten Briefe bitten wir angelegentlich Ihre Addresse möglichst genau beizufügen, damit unsere Briefe sicher gehen—. Diesen Brief haben wir nach Ihrer gütigen Anweisung zufolge an den Kaufmann A. Ferrari zu [roman:] Paderborn [/roman] geschickt, der uns versprochen hat, solchen an den H. [roman:] Bartmann [/roman] zur Weiterbeförderung einzuhändigen — wäre H. [roman:] Bartmann [/roman] in [roman:] Paderborn [/roman] anwesend gewesen, so hatte sich [roman:] Clothilde [/roman] vorgenommen, demselben diesen Brief persönlich einzuhändigen, allein derselben befindet sich gegenwärtig, wie man uns mitgetheilt hat in Steinfurt._ Meine Adresse die sich nicht verändert hat, theile ich Ihnen hierunter nochmals mit —
Ein nochmaliges Lebewohl mit der wiederholten Bitte uns recht recht bald mit einem Briefe zu erfreuen, dem wir sehnsuchtsvoll entgegensehen
Credé
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